196 / Literatur zwischen 1945 und 1968 Barblin. Fang jetzt nicht wieder an! Andri. Vielleicht haben sie recht Barblin beschäftigt sich mit ihrem Haar. Vielleicht haben sie recht... Barblin. Du hast mich ganz zerzaust. ; Andri. Meinesgleichen, sagen sie, hat kein Gefühl Barblin, Wer sagt das? Andri. Manche. Barblin. Jetzt schau dir meine Bluse an! Andri. Alle. i Barblin. Soll ich sie ausziehen? Barblin zieht ihre Bluse aus. Andri. Meinesgleichen, sagen sie, ist geil, aber ohne Gemüt, weißt du -Barbun. Andri, du denkst zuviel! Barblin legt sich wieder auf seine Knie. Aus; M. Frisch, Andorra. Suhrkamp: Frankfurt a. M. 1961 / DEUTSCHSPRACHIGE LITERATUR ZWISCHEN 1945 UND 1968 Sartre s jaspers Literarische Tradition Camus Heidegger Kierkegaard Literatur in der Bundesrepublik Use Aichinger Ingeborg Bachmann Wolfgang Borchert H. M. Enzensberger RotfHochhuth Wolfgang Koeppen Siegfried Lenz Alfred Andersch Heinrich Boll Paul Celan Günter Grass Uwe Johnson Elisabeth Langgässer Martin Walser Literatur in Osterreich Ingeborg Bachmann Thomas Bernhard Peter Handke Brigitte Schwaiger Literatur in der Schweiz Max Frisch Friedrich Dürrenmatt 12 Literatur in der DDR (1945-1990) 12.1 Die DDR zwischen 1945 und 1990 Anders als im pluralistischen Westen war die Literatur in der DDR von vornherein durch die politischen Rahmenbedingungen eingeschränkt; sie musste die jeweils aktuelle Linie der SED unterstützen. Diese politische Funktion, die die Literatur im Sozialismus innehatte, wertete sie auf, legte sie aber ideologisch fest. Abweichungen von den offiziellen Vorgaben wurden meist rigoros mit Schikanen, Zensur, Publikationsverbot oder Ausbürgerung des Autors geahndet. Die Eckdaten der DDR-Literatur entsprechen der politischen Geschichte und sind deckungsgleich mit der Existenz des deutschen Ost-Staates: Ursprünglich konstituiert als „sowjetisch besetzte Zone" (SBZ), wurde 1949 die DDR als zweiter deutscher Staat gegründet. Dieser existierte bis zur Wiedervereinigung der Bundesrepublik Deutschland am 3. Oktober 1990. 12.1.1 Die politische Situation Nach der Kapitulation vom Mai 1945 und der sich anschließenden Besatzungszeit entstand unter dem Einfluss der KPdSU und der SED parallel zur Bundesrepublik im Westen die DDR im Osten als eigenständiger Staat. Wenige Jahre später beschloss die SED offiziell den „Aufbau des Sozialismus", also die Übernahme des politischen und wirtschaftlichen Systems der Sowjetunion. Oppositionelle wurden von der „Staatssicherheit" (Stasi) bekämpft, Fluchtwege wurden geschlossen. Der Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953 bedeutete einen Rückschlag für die Herrschenden, durch den Bau der Berliner Mauer 1961 versuchten sie, die hohen Flüchtlingszahlen zu minimieren. Die neue Verfassung von 1968 definierte den Sozialismus als eigenständige Gesellschaftsform, Erst in der Ära Hotlecker (ab 1971) entkrampften sich die Beziehungen zwischen BRD und DDR, der „Grundlagenvertrag" (1972) machte den Weg frei für ein gleichberechtigtes Nebeneinander der beiden deutschen Staaten. Die Reform-Politik des sowjetischen Präsidenten Gorbatschow schaffte dann den Freiraum für die Oppositionsgruppen, die mit der offiziellen Politik der DDR-Führung unzufrieden waren und sich in den sog. Montagsdemonstrationen artikulierten. Tausenden gelang 1989 die Flucht 198 / Literatur in der DDR über Ungarn und Österreich in die Bundesrepublik, bis die Regierung Honecker dem öffentlichen Druck nicht mehr Stand halten konnte und am 18.10.1989 zurücktrat Bis zur Wiedervereinigung war es nur noch ein kleiner Schritt. 12.1.2 Kulturelle Voraussetzungen Die Literatur hat in den sozialistischen Staaten einen hohen Stellenwert. Dies liegt darin begründet, dass sich die politischen Systeme mithilfe der Gesellschaftswissenschaften legitimieren und die Literatur- bzw. Sprachwissenschaft als Teil jener definiert ist. Grundlage jeder offiziellen, staatstragenden Literatur sind die Schriften von Karl Marx und Friedrich Engels, von Lenin, Stalin und anderen sozialistischen Staatsdenkern und Führerpersönlichkeiten, die teilweise auch literaturtheoretische Direktiven verfasst hatten. 12.2 Die Literatur der DDR 12.2.1 Antifaschistische Sammlung (nach 194S) Nach 1945 gab es in der SBZ, der späteren DDR, keine offenen Auseinandersetzungen zwischen bürgerlichen und kommunistischen Positionen. Vielmehr versuchte man im Sinne der „Volksfrontpolitik" unter dem Schlagwort der „antifaschistisch-demokratischen Ordnung zu den kommunistisch gesinnten auch die großen bürgerlichen Autoren der Weimarer Zeit aus dem Exil zurück sowie die Vertreter der inneren Emigration ins Land zu holen. In ihren Anfängen war die Literatur der DDR von den zurückkehrenden Exilautoren wie Bertolt Brecht, Anna Seghers, Arnold Zweig, Friedrich Wolf und Stephan Hermlin bestimmt. Schon 1945 wurde in der sowjetischen Besatzungszone der „Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands" gegründet, dessen erster Präsident der Schriftsteller Johannes R. Becher war. Als Ehrenpräsident fungierte Gerhart Hauptmann. Der Kulturbund prägte den scheinbar überparteilichen Charakter der frühen DDR-Literatur entscheidend mit, ohne völlig verschleiern zu können, dass die Literatur den Aufbau des sozialistischen Staates unterstützen sollte. Ab 1948 baute Bertolt Brecht zusammen mit seiner Frau Helene Weigel das „Berliner Ensemble" auf, das Berlin als Theaterstadt wieder Weltgeltung verschaffte. Im Goethe-Jahr 1949 kam sogar Thomas Mann als Redner nach Weimar, was für die SBZ einen erheblichen Prestigegewinn bedeutete. Literatur in der DDR / Heiner Müller (1929-1995) 12.2.2 Sozialistischer Realismus (ab 1950) Auf dem III. Parteitag der SED im Juli 1950 wurde der sozialistische Realismus zur Doktrin erhoben. Die Autoren wurden angewiesen, den Aufbau des Sozialismus bzw. seine Errungenschaften zu beschreiben; dazu sollten sie positive Helden („Held der Arbeit") in den Mittelpunkt ihrer Werke stellen. Der führende Theoretiker war der Literaturwissenschaftler Georg Lukács. Eduard Claudius und Heiner Müller versuchten sich erfolgreich auf dem Gebiet der Produktionsliteratur, doch schon bald war die Thematik erschöpft. In der kurzen Periode des „Tauwetters" nach Stalins Tod und dem Arbeiteraufstand 1953 übten viele Autoren, allen voran Brecht und J. R. Becher, verstärkt Kritik an der engen Auslegung der geltenden Doktrin vom sozialistischen Realismus. Da jedoch in der Folge der Freiraum für kritisches Denken nach wie vor bedrückend eng blieb und schon nach den Unruhen in Polen und Ungarn 1956 eine neue Eiszeit im kulturellen Leben einsetzte, verheizen selbst berühmte Denker wie Ernst Bloch (Das Prinzip Hoffnung, 1959) die DDR. 12.2.3 „Bitterfelder Weg" (1959-1964) 1959 begann eine neue kulturpolitische Phase: Auf Anregung der SED kamen im Chemiekombinat Bitterfeld Parteifunktionäre, Literaten und schreibende Arbeiter zusammen und riefen den sog. Bitterfelder Weg ins Leben: Die Arbeiter sollten sich der Literatur zuwenden, Schriftsteller in Betrieben Studien betreiben. Das Ziel war eine engere Verzahnung von Kunst und Arbeitswelt und die Entstehung echter Dokumentarliteratur. Das Motto für das neue Vorhaben lautete: „Greif zur Feder, Kumpel, die sozialistische Nationalkultur braucht dich!" Fünf Jahre später war diese literarische Strömung, die sich in der Produktion von eher langweiligen Industrieromanen erschöpfte, gescheitert. Die Westintegration der Bundesrepublik, der Mauerbau sowie damit einhergehend ein ausgeprägteres Staatsbewusstsein der DDR-Bürger schlugen sich Anfang der 60er-Ja hre auch in der Literatur nieder. Als ..Ankunftsliteratur" -nach dem Roman von Brigitte Reimarm Ankunft im Alltag (1961) benannt -oder Relormliteratur kann die Literatur bezeichnet werden, die nun die 200 / Literatur in der DDR Literatur in der DDR f 201 Wolf Biermann (geb. 1936) jüngere Generation jener Schriftsteller schriet, die in der DDR aufwuchsen und Kritik nur an den Einzelerscheinungen einer sonst akzeptierten gesellschaftlichen Ordnung übten. Christa Wolfs Geteilter Himmel (1963) mit seiner Absage an die Republikflucht steht exemplarisch für diese Phase. 12.2.4 Kulturpolitische Liberalisierung in der Ära Honecker und der Fall Biermann Mit dem Machtwechsel von Ulbricht zu Honecker kam es zu einer Liberalisierung im Bereich der Kulturpolitik. Das Konzept vom sozialistischen Realismus verlor an Bedeutung, es folgte eine Phase zunehmender Subjektivität in der Literatur. Christa Wolfs Nachdenken über Christa T. (1968) oder die sprachlich saloppe Liebesgeschichte Die neuen Leiden des jungen W. (1972) von Ulrich Plenzdorf (1934-2007) stehen dafür exemplarisch. Die Ausweisung des unbequemen Lyrikers Wolf Biermann (geb. 1936) im Jahr 1976 bedeutete eine Zäsur nicht nur in der Literatur, sondern in der gesamten Kulturpolitik der DDR. Dem Wahl-DDR-Bürger Biermann wurde nach einem Konzert in Köln die Rückkehr in die DDR verweigert: Mehr als 70 Künstler und Schriftsteller unterzeichneten daraufhin einen Protestbrief, eine Reihe von Schriftstellern verließ das Land (u. a. Sarah Kirsch, Reiner Kunze, Günter Kunert, H.-j. Schädlich, Jurek Becker) und siedelte in die Bundesrepublik über. 12.2.5 Zwischen Repression und Anpassung in den 80er-Jahren Nach 1979 mussten die DDR-Autoren mit Repressalien rechnen, die im Westen veröffentlichten; der neue § 219 („Ungesetzliche Verbindungsaufnahme") ließ sich gegen jeden unliebsamen Autor anwenden. Die Zahl derer, die die DDR in der Folgezeit verließen, wurde immer größer, darunter so bekannte Namen wie Klaus Schlesinger, Bettina Wegner, Erich Loest und Kurt Bartsch. Diejenigen, die blieben, zogen sich häufig in das Umfeld der evangelischen Kirche zurück, die Lesungen oppositioneller Autoren zuließ und schützte. Um den Prenzlauer Berg in Berlin entstand zeitgleich eine alternative Literatur szene. Radikale Zivihsationskritik, Endzeitgedanken und Umweltbewusstsein sind die Themen der Literatur der 80er-Jahre. Vor allem in den Romanen Christa Wolfs (Kassandra, 1983; Störfall, 1987) und Franz Fühmanns (Das Ohr des Dionysos, 1985) werden sie thematisiert und auch dem Lesepubltkum im Westen zugänglich gemacht. Bedeutende Autoren der DDR sind; Jurek Becker (1937-1997) Der Sohn jüdisch-polnischer Eltern verbrachte seine Kindheit im Getto in Lodz und in den Konzentrationslagern Ravensbrück und Sachsenhausen. Im Getto ist auch sein bekanntester Roman Jakob der Lügner (1969) angesiedelt: Der Jude Jakob Heym behauptet, im Besitz eines Radioapparates zu sein und Nachrichten über eine bevorstehende Befreiung der Lagerinsassen empfangen zu haben. Diese Lüge macht weitere notwendig, da die Menschen in Jakobs Umgebung keine andere Hoffnung mehr besitzen. Am Ende bewahrheitet sich scheinbar die Prognose Jakobs: Die sowjetischen Befreier nähern sich dem Lager - für die Nazis ein Grund, die Gefangenen zu töten und das Getto dem Erdboden gleich zu machen. Auch andere Romane Beckers fanden beim Lesepublikum große Beachtung, z. B. Irreführung der Behörden (1973), Der Boxer (1976) und Amanda herzlos (1992). Einer breiteren Öffentlichkeit wurde Becker als Drehbuchautor der ARD-Serie Liebling Kreuzberg bekannt. Wolf Biermann (geb. 1936) Biermann wurde in Hamburg als Sohn eines wenige Jahre später im KZ Auschwitz ermordeten Arbeiters geboren. 1953 siedelte er in den sozialistischen Teil Deutschlands um, wo er studierte, Assistent am Berliner Ensemble wurde und politische Lieder (Die Drahtharfe, 1965; Mit Marx- und Engelszungen, 1968) schrieb und sang. In seinen Songs kritisierte er die politischen Verhältnisse in der DDR, da sie sich weit von der kommunistischen Theorie entfernt hätten. Die SED-Funktionäre reagierten rasch: Sie rieten Biermann, die DDR zu verlassen und erteilten ihm Auftrittsverbot. Nach einem Konzert im Westen 1976 verweigerten sie ihm die Rückkehr in die DDR und entzogen ihm die Staatsbürgerschaft. Biermann blieb fortan in der Bundesrepublik. 1989, nach dem Fall der Mauer, trat er wieder in Leipzig auf. Im wieder -vereinigten Deutschland erhielt der umstrittene Künstler zahlreiche Preise und Ehrungen. 1991 wurde er mit dem Mörike-Preis und dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. 1993 ehrte ihn die Stadt Düsseldorf mir dem Heinrich-Heine-Preis. Im Jahr 2006 erhielt er das Große Bundesverdienstkreuz und im Jahr 2007 die Ehrenbürgerwürde der Stadt Berlin. i Literatur in der DDR Literatur in der DDR / 203 Monika Maron (geb. 1941) Auch diese Autorin muss zu den „großen Namen" der DDR-Literatur gerechnet werden. Spätestens seit ihrem Roman Stille Zeile Sechs (1991) ist sie einem größeren Leserkreis bekannt. Doch schon der Roman Flugasche (1981) erregte Aufsehen, durfte er doch in der DDR nicht erscheinen. Was ist der Grund dafür? Im Mittelpunkt dieses Buches steht die Journalistin Josefa Nadlet, die über die Stadt B., die „schmutzigste Stadt Europas", eine Reportage schreibt. Dabei gibt sie eine Innenansicht der DDR, die nicht der offiziellen und verbindlichen Sichtweise der SED-Funktionäre entsprach; im Gegenteil: Sie zeigt ganz offen die durch die Industrie entstandenen Umweltschäden, aber auch, das deformierte Selbstbewusstsein der Fabrikarbeiter auf. In Pawels Briefe (1999) zeichnet die Autorin anhand von Briefen, Fotos und Erinnerungsstücken aus ihrer eigenen Familie das Portrait einer Familie in drei Generationen nach und leistet damit einen Beitrag zur Aufarbeitung der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert. 12.2.6 Literarische Gattungen In den Anfangsjahren der Literatur in der SBZ bzw. DDR dominierten Lyrik und Drama. Für die Lyrik ist ein hymnischer, pathetischer Stil typisch, den man in vielen Gedichten Johannes R. Bechers erkennen kann. Bedeutende Naturgedichte schrieben Peter Hüchel und Johannes Bobrowski. Auch Brecht ist als Lyriker hervorgetreten (Buckower Elegien, 1953), wichtiger sind aber seine Stücke (Die Tage der Commune, 1956; Turandot oder Der Kongreß der Weißiuäscher, 1967). Andere bedeutende Dramatiker sind Peter Hacks (1928-2003), Heiner Müller (1929-1995) und Volker Braun (geb. 1939). Der erzählenden Prosa kam in der Phase des sozialistischen Realismus besondere Bedeutung zu, da die damals aktuellen Themen die epische Schilderung verlangten. „Produktions- und Ankunftsromane" schrieben Erwin Strittmatter (Katzgraben, 1954), Günter de Bruyn (BuridansEsel, 1968) und Erich Loest (Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene, 1978). Auch die seit den 70er-Jahren entstehende Frauenliteratur ist meist Prosa-Literatur: Brigitte Reimann (Franziska Linkerhand, 1974), Irmtraud Morgner (Amanda. Ein Hexenroman, 1983), Maxie Wander (Guten Morgen, du Schöne, 1977) und Christa Wolf (Kein Ort. Nirgends, 1979; Kassandra, 1983; Medea. Stimmen, 1996). 12.2.7 Literarisches Leben: Vom Literaturinstitut „Johannes R. Becher" zum „Deutschen Literaturinstitut" Um im Sinne des sozialistischen Realismus eine Elite von Schriftstellern heranzubilden, wurde auf Beschluss der DDR-Regierung 1955 in Leipzig das Literaturinstitut „Johannes R. Becher" gegründet. In Seminaren zu Lyrik, Dramatik und Prosa konnten die Autoren das Schreiben erlernen, daneben steckten weitere Lehrveranstaltungen den geistigen und ideologischen Rahmen ab: z. B. in Ästhetik, Stilistik, Literaturkritik sowie Marxismus-Leninismus. Zu dem Studium an diesem Institut, das Hochschulstatus hatte, gehörte auch ein Praktikum in einem VEB Braunkohlenwerk. Nach der Wiedervereinigung 1990 wurde das Institut aufgelöst, da das Lehrangebot nicht den Prinzipien eines demokratischen Rechtsstaats entsprach. Nach Protesten von Studenten und angesehenen Professoren wie Walter Jens und Hans Mayer fand man einen Kompromiss: Das Institut wurde 1995 als „Deutsches Literaturinstitut" neu gegründet und der Universität Leipzig angegliedert. Als Direktoren konnten Bernd Jentzsch (1995-1999), Hans-Ulrich Treichel (1999-2001) und Josef Haslinger (seit 2001) gewonnen werden. 12.3 Autoren und Werke 12.3.1 Über den Umgang mit dem literarischen „Erbe": Plertzdorfs Roman „Die neuen Leiden des jungen W." Kurzbiografie: Ulrich Pienzdorf T 1934 geboren in Berlin- Kreuzberg Studium des Marxismus-Leninismus, anschließend Studium an der Filmhochschule Babelsberg, Arbeit als Filmdramaturg 1973 Die neuen Leiden des jungen W. (Roman) 1974 Die Legende von Paul und Paula (Drehbuch) 1979 Legende vom Glück ohne Ende (Erzählungen) 1983 Gutenachtgeschichten 2007 gestorben in Berlin Schon seit den 50er-Jahren war die „Aneignung" des klassischen, bürgerlichen Literaturerbes die Strategie der offiziellen Literaturpolitik der DDR. Mithilfe der Literatur der Aufklärung, der Klassik, des Vormärz und des Realismus sollte die Umerziehung der Bevölkerung im sozialistischen Sinn geleistet werden. 204 4 Literatur in der DDR Literatur in der Mit Ulrich Plenzdorf griff auch ein junger Ostberliner Drehbuchautor auf ein Werk Goethes (Die Leiden des jungen Werthers, 1774) zurück. Beabsichtigten jedoch die Kulturfunktionäre eine widerspruchsfreie, verklärende Orientierung an den vergangenen Literaturepochen, so entdeckte er Goethes Roman für seine Generation neu und interpretierte ihn im Hinblick auf die veränderte gesellschaftliche, politische und geschichtliche Situation um. Worum geht es in Plenzdorfs Roman, der auch in einer Dramenfassung existiert? Der junge Edgar Wibeau, Werthers alter ego, kommt mit der Gesellschaft nicht zurecht: Er bricht seine Lehrlingsausbildung ab, zieht von der Provinz nach Berlin, haust dort in einer Schrebergartenkolonie, malt, bastelt und lebt ohne Lohnarbeit in den Tag hinein. Er verliebt sich in die Kindergärtnerin Charlotte, die jedoch ihren Freund Dieter heiraten will. Edgar, ohne Perspektive auf soziale Integration, steigert sich immer mehr in die Vorstellung hinein, er sei ein von der Gesellschaft verkanntes Genie. So glaubt er, mit der Erfindung eines nebellosen Farbspritzgeräts allgemeine Anerkennung zu finden. Bei Versuchen mit dem neuen Gerät verunglückt er jedoch tödlich. Plenzdorfs Die neuen Leiden des jungen W. Verfilmung BRD 1976, Regie: Eberhard Itzenplitz Plenzdorf ist es mit seinem Roman gelungen, die Werther-Handlung zu aktualisieren. Doch auch Goethes Werk ist ständig präsent; es wird von Edgar Wibeau als Zitatenvorrat benützt, nachdem er es als Reclam-Heft auf der Toilette gefunden hat. Dieser Umgang mit dem „Erbe" entsprach nicht den Vorstellungen der DDR-Kulturpolitiker; sie warfen Plenzdorf vor, mit der Doktrin des sozialistischen Realismus gebrochen zu haben. Verboten wurde Plenzdorfs Buch jedoch nicht, dafür war es schon zu populär: Fast die Hälfte der Jugendlichen in der DDR erklärten in einer Umfrage, sie würden Wibeaus Kritik an der DDR-Gesellschaft teilen. Die folgende Textstelle schildert, wie Edgar Goethes Werther- Roman in die Hände fällt: Der Garten war dunkel wie ein Loch. Ich rannte mir fast überhaupt nicht meine olle Birne an der Pumpe und an den Bäumen da ein, bis ich das Plumpsklo fand. An sich wollte ich mich bloß verflüssigen, aber wie immer breitete sich das Gerücht davon in meinen gesamten Därmen aus. Das war ein echtes Leiden von 5 mir. Zeitlebens konnte ich die beiden Geschichten nicht auseinander halten. Wenn ich mich verflüssigen musste, musste ich auch immer ein Ei legen, da half nichts. Und kein Papier, Leute. Ich fummelte wie ein Irrer in dem ganzen Klo rum. Und dabei kriegte ich dann dieses berühmte Buch oder Heft in die Klauen. Um irgendwas zu erkennen, war es zu dunkel. Ich opferte also zunächst die io Deckel, dann die Titelseite und dann die letzten Seiten, wo erfahrungsgemäß das Nachwort steht, das sowieso kein Aas liest. Bei Licht stellte ich fest, dass ich tatsächlich völlig exakt gearbeitet hatte [...] Nach zwei Seiten schoss ich den Vogel in die Ecke. Leute, das konnte wirklich kein Schwein lesen. Beim besten Willen nicht. Fünf Minuten später hatte ich den Vogel wieder in der Hand. i5 Entweder ich wollte bis früh lesen oder nicht. Das war meine Art. Drei Stunden später hatte ich es hinter mir. Ich war fast gar nicht sauer! Der Kerl in dem Buch, dieser Werther, wie er hieß, macht am Schluss Selbstmord. Gibt einfach den Löffel ab. Schießt sich ein Loch in seine olle Birne, weil er die Frau nicht kriegen kann, die er haben will, und tut 2o sich ungeheuer leid dabei. Wenn er nicht völlig verblödet war, musste er doch sehen, dass sie nur darauf wartete, dass er etwas machte, diese Charlotte [...] Und was macht er? Er sieht ruhig zu, wie sie heiratet. Und dann murkst er sich ab. Dem war nicht zu helfen. Aus: U. Plenzdorf, Die neuen Leiden des jungen W. Wnstotff: Rostpd 1973 12.3.2 Heins Novelle „Der fremde Freund/Drachenblut" Kurzbiografie: Christoph Hein 1944 geboren in Heinzendorf/Schlesien als Sohn eines Pfarrers nach 1960 Tätigkeit als Buchhändler, Kellner, Journalist und Schauspieler ab 1967 Studium der Philosophie in Leipzig und Berlin 1971 Dramaturg bei der Berliner Volksbühne seit 1979 freier Schriftsteller in Berlin J i v 206 / Literatur in der DDR Literatur in der DDR / 207 Hein zählt neben Heiner Müller und Peter Hacks zu den bedeutendsten Dramatikern der DDR (Cromwell, 1980; Die wahre Geschichte des Ah Q, 1983). In der Bundesrepublik wurde er vor allem mit der Novelle Drachenblut (1983; in der DDR 1982 unter dem Titel Der fremde Freund erschienen) bekannt, in der Hein eine vierzigjährige Krankenhausärztin namens Claudia in ihrer von Alltäglichkeiten bestimmten Existenz vorstellt. An den Erfolg dieser Novelle konnte Hein auch mit den Romanen Horns Ende (1985), Der Tangospieler (1989), Willenbrock (2000) und Frau Paula Trousseau (2007) sowie dem Drama Die Ritter der Tafelrunde (1989) anknüpfen. In folgendem Textanszug, dem Schluss der Novelle, zieht die Ich-Erzählerin Bilanz über ihr bisheriges Leben. Dieses ist von so vielen Verletzungen geprägt, dass sie nicht mehr bereit - oder in der Lage? - ist, Gefühle zu investieren und angreifbar zu sein. Der Rückzug in das eigene Ich und die begrenzte Existenz drückt sich durch die karge Sprache, die immer gleichen Satzbaumuster und das Personalpronomen in der 1. Person Singular am Satzanfang aus: Ich vermisse Katharina jetzt sehr. Es ist fünfundzwanzig Jahre her, dass ich sie zum letzten Mal gesehen habe, und ich wollte, wir wären zusammengeblieben. Wir trennten uns mit der grausamen Art von Kindern und fanden es beide gewiss weniger fürchterlich, als es war. Ich wusste damals nicht, dass ich nie 5 wieder einen Menschen so vorbehalrios lieben würde. Dieser Verlust schmerzt mich. Keine der späteren Trennungen, von Hinner, von den Männern nach ihm, auch nicht die von Henry, haben mich wirklich umgeworfen. Wahrscheinlich war mein Verhältnis zu ihnen von dem Wissen geprägt, sie eines Tages zu verlieren oder doch verlieren zu können. Diese Vernunft machte mich unabhängig io und einsam. Ich bin gewitzt, abgebrüht, ich durchschaue alles. Mich wird nichts mehr überraschen. Alle Katastrophen, die ich noch zu überstehen habe, werden mein Leben nicht durcheinander würfeln. Ich bin darauf vorbereitet. Ich habe genügend von dem, was man Lebenserfahrung nennt. Ich vermeide es, enttäuscht zu werden. Ich wittere schnell, wo es mir passieren könnte. [...] Ich bin 15 auf alles eingerichtet, ich bin gegen alles gewappnet, mich wird nichts mehr verletzen. Ich bin unverletzlich geworden. Ich habe in Drachenblut gebadet, und kein Lindenblatt ließ mich irgendwo schutzlos. Aus dieser Haut komme ich nicht mehr heraus. Aus: C. Hein, Der fremde Freund. Auftrag Berlin 1982 12.3.3 Ein Beispiel für Lyrik in der DDR: Kunzes „Sensible Wege" Kurzbiografis: Reiner Kunze 1933 geboren als Sohn eines Bergarbeiters in Oelsnitz im Erzgebirg« 1951-1955 Studium der Philosophie und Journalistik in Leipzig 1959 verlässt aus politischen Gründen die Universität, arbeitet in der Landwirtschaft, im Maschinenbau und in Zeitungsredaktionen 1968 nach 18 Jahren Parteizugehörigkeit Austritt aus der SED 1959 Sensible Wege (Gedichte) 1976 Die wunderbaren Jahre (Prosa) 1976 Ausschluss aus dem Schriftstellerverband 1977 Übersiedelung in den Westen 1998 Ein Tag auf dieser Erde (Gedichte) 2007 Lindennacht (Gedichte) Sensibie Wege Sensibel ist die erde über den quellen: kein bäum darf gefällt, keine wurzel gerodet werden s Die quellen könnten versiegen Wie viele bäume werden gefällt, wie viele wurzeln gerodet io in uns Aus; R. Kunze, Sensible Wege. Achtundvierzig Gedichte und ein Zyklus. RowdI* Reinbek bei Hombura 1969, S. 9 Der Gedichtband Sensible Wege durfte 1968 nur in der BRD erscheinen. Zu brisant schien den DDR-Machthabern der Inhalt, um seine Veröffentlichung zu genehmigen. Zwei Lesarten können an das Gedicht angelegt werden: die ökologische, der zufolge das Gedicht ein Natur- und Warngedicht ist (vgl. erste Strophe), und die politische, die sich erst nach vollständiger Lektüre aufgrund des letzten Verses erschließt. Die Verse der Mittelachse („Die quellen könnten versiegen") stellen den Zusammenhang zwischen den Strophen eins und drei sowie zwischen den beiden möglichen Lesarten her; sie spielen an auf das Austrocknen des (natürlichen) Bodens wie auch auf das Ausdörren der Literaturlandschaft DDR aufgrund des Weggangs vieler Autoren und Künstler. :ur in der DDR Literatur in der DDR é 209 12.3.4 Christa Wolfs .Erinneningsmonolog' „Kassandra" Kurzbiografie: Christa Wolf 1929 geboren in Landsberg a. d. W. (Gorzöw Wielkopolski, Polen) 1945 Flucht nach Mecklenburg 1949 Abitur, Eintritt in die SED 1949-1953 Studium der Germanistik seit 1962 als Schriftstellerin wohnhaft bei Berlin 1976 Ausschluss aus dem Schriftstellerverband der DDR 1983 Kassandra (Erzählung) 1996 Medea. Stimmen (Roman) 2010 Stadt der Enge! (Roman) 2011 gestorben in Berlin ° Christa Wolf ist wohl die am meisten beachtete und nach der Wiedervereinigung am heftigsten kritisierte Schriftstellerin der DDR. Furore machte beinahe jedes ihrer Werke: Der geteilte Himmel (1963) befindet sich in der Tradition des „Bitterfelder Weges", Nachdenken über ChristaT. (1968) kann als Roman einer Emanzipation gelesen werden, in Kindheitsmuster (1976) spürt die Autorin ihrer eigenen Existenz nach und thematisiert dabei die nationalsozialistische Vergangenheit der DDR-Auf dem Höhepunkt des Ost-West-Konflikts veröffentlichte Christa Wolf die Erzählung Kassandra (1983), in der die trojanische Königstochter, die über seherische Gaben verfügt, ihr Leben in einer patriarchalischen Gesellschaft sowie Ursache, Verlauf und mögliche Folgen des (trojanischen) Krieges reflektiert Christa Wolf wagt eine feministische Neudeutung des antiken Mythos. Der Erinnerungsmonolog Kassandras beginnt mit ihrer Ankunft als Gefangene in Mykene. Sie und ihre Dienerin Marpessa sind die Kriegsbeute des Königs Agamemnon; es trennen sie nur noch Minuten von ihrer Ermordung. Um mit ihrer Todesangst fertig zu werden, denkt Kassandra über ihr Leben nach. Die Gedanken kommen wirr, ungeordnet, was der eigenartig wirkende Satzbau mit vielen Parataxen, Ellipsen und Interjektionen verdeutlicht: Hier war es. Da stand sie. Die steinernen Löwen, jetzt kopflos, haben sie angeblickt. Diese Festung, einst uneinnehmbar, ein Steinhaufen jetzt, war das letzte, was sie sah. Ein lange vergessener Feind und die Jahrhunderte, Sonne, Regen Wind haben sie geschleift. Unverändert der Himmel, ein tiefblauer Block, hoch, 5 weit. Nah die zyklopisch gefügten Mauern, heute wie gestern, die dem Weg die Richtung geben: zum Tor hin, unter dem kein Blut hervorquillt. Ins Finstere. Ins Schlachthaus. Und allein. Mit der Erzählung gehe ich in den Tod. Hier ende ich, ohnmächtig, und nichts, nichts was ich hätte tun oder lassen, io wollen oder denken können, hätte mich an ein andres Ziel geführt. Tiefer als von jeder andren Regung, tiefer selbst als von meiner Angst, bin ich durchtränkt, geätzt, vergiftet von der Gleichgültigkeit der Außerirdischen gegenüber uns Irdischen. Gescheitert das Wagnis, ihrer Eiseskälte unsre kleine Wärme entgegenzusetzen. Vergeblich versuchen wir, uns ihren Gewalttaten zu entziehn, ich i5 weiß es seit langem. Doch neulich nachts, auf der Überfahrt, als aus jeder Himmelrichtung die Wetter unser Schiff zu zerschmettern drohten; niemand sich hielt, der nicht festgezurrt war; als ich Marpessa traf, wie sie heimlich die Knoten löste, die sie und die Zwillinge aneinander und an den Mastbaum fesselten; als ich, an längerer Leine hängend als die anderen Verschleppten, bedenkenlos, 20 gedankenlos mich auf sie warf; sie also hinderte, ihr und meiner Kinder Leben den gleichgültigen Elementen zu lassen, und sie statt dessen wahnwitzigen Menschen überantwortete; als ich, vor ihrem Blick zurückweichend, wieder auf meinem Platz neben dem wimmernden, speienden Agamemnon hockte - da mußte ich mich fragen, aus was für dauerhaftem Stoff die Stricke sind, die uns 25 ans Leben binden. Marpessa, sah ich, die wie einmal schon, mit mir nicht sprechen wollte, war besser vorbereitet, auf was wir nun erfahren, als ich, die Seherin; denn ich zog Lust aus allem, was ich sah - Lust; Hoffnung nicht! - und lebte weiter, um zu sehn. Aus: C Wolf, Kossandra. Aufbau. Berlin 1983 / LITERATUR IN DER DDR Zeitliche Einordnung Leitende ädeen Autoren, Werke Antifaschistische Sammlung (nach 1945) - Rückholung der Exilautoren - Umerziehung im Sinne des Kommunismus - „Aneignung des literarischen Erbes" - Plievier: Stalitigrad - Segher5; Das siebte Kreuz,- Der Ausflug der toten Mädchen - Brecht; KaiendUrgeschichten; Kleines Organen für das Theater Sozialistischer Realismus (ab 1950) - Aufbauliteratur - positive Helden - Produktionsliteratur — Becher: Deutsche Sonette - Johnson: Ingrid Babendererde „Bitterfelder Weg" (1959-1964) - „Greif zur Feder, Kumpel!" - Ankunftsliteratur - Wolf; Der geteilte Himmel - Strittmatter; Oie Bienkopp \ - Kant: Die Aula Kulturpolitische Liberalisierung und der Fafl Biermann (nach 1971) - zunehmende Subjektivität - Frauen-Emanzipation - Becker: Jakob der Lügner - Wolf: Nachdenken über Christa I; Kein Ort Nirgends - Plenzdorf: Oie neuen leiden des jungen W. Zwischen Repression und Anpassung (80er-Jahre) - Zivilisationskritik - Kulturkritik - postmoderne Schreibweisen - Hein: Drachenbfut; Der Tangospieler - Wolf: Kassandra; Störfall - Maron: Stille Zeile Sechs