224 / Literatur zwischen 1968 und 1990 Fähnchen sein - hatte es doch nur zwei Silben zu tragen. Wenn er innehielt und 5 Atem schöpfte und dann winzig vor den Felsüberhängen stand, schleuderte Cotta diese Silben manchmal gegen den Stein und antwortete hierl wenn ihn der Widerhall des Schreies erreichte; denn was so gebrochen und so vertraut von den Wanden zurückschlug, war sein eigener Name. Aus: C Ransntayr, Die letzte Welt Creno: Norsingen 1988 / LITERATUR ZWISCHEN 1968 UND 1990 Cenerationenkonftakt, Tschernobyl-Katastrophe, Ölkrise, Anti-Atomkraftbewegung, Michail Gorbatschow, Rudi Dutschke, Helmut Kohl, DDR, Stasi, Richard von Weizsäcker, APO, Wilfy Brandt, Die Grünen, Ncrd-Süd-Konflikt,Umweltschutz, Computerisierung, Emanzipation,... „Hohe Literatur" Friedrich Dürrenmatt Max Frisch Günter Grass Erich Hackl Peter Handke Elfriede Jelinek Franz Xaver Kroeß Sten Nadolny Jugendliteratur Kirsten Boie Dagmar Chidolue Michael Ende Max von der Grün Peter Härtung Wolfgang Hohlbein Christoph Ransmayr Bernhard Schlink Robert Schneider Arnold Stadler Botho Strauß Patrick Sibkind Martin Walser Chri5taWolf Paul Maar Christine Nöstlinger Gudrun Pausewang JoPestum Otfried Preußler Unterhaltungsliteratur Amelie Fried Walter Kempowski Gaby Hauptmann Donna Leon Elte Heidenreich Hera Lind Willi Heinrich Johannes M. Stmmel Literatur des Auslands {übersetzt) Paul Auster Astrid Lindgren Antonio L. Antunes Umberto Eco Jostein Gaarder Peter Heeg Agota Kristof Mario Vargas Llosa Javier Manas Gabriel G. Marquez Harry Mulisch Mats Wahl 14 Literatur nach der Wiedervereinigung 14.1 Das Jahr 1990 als epochaler Einschnitt in der deutschen Geschichte Im Jahr 1990 traten nach der Auflösung dei DDR die neuen Bundesländer der alten Bundesrepublik Deutschland bei. Dieser politische Einschnitt veränderte auch die Rahmenbedingungen und Themen der Literatur. Hinzu kommt, dass das wiedervereinigte Deutschland ein enormes wirtschaftliches und politisches Gewicht hatte, was von manchen europäischen Nachbarn nicht ohne Sorge gesehen wurde und dazu führte, dass die Politik den Sundort der Bundesrepublik neu bestimmen musste; dies wurde von der Literatur kritisch begleitet. Die Teilung der deutschsprachigen Literatur in die der Bundesrepublik Deutschland und die der DDR ist mit dem Fall der Mauer und mit der Herstellung der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 zu Ende gegangen. Dies ist eine Folge der politischen Veränderungen: Der Ost-West-Gegensatz besteht nicht mehr, der Kalte Krieg ist zu Ende. Es gibt jedoch neue Bedrohungen für Europa (z.B. Rechtsextremismus, Balkankonflikt) und die Welt (z.B. Nord-Süd -Konflikt, ökologische Frage, Globalisierung, islamistischer Terrorismus). Alle diese Themen finden Eingang in die Literatur. Zugleich rückt auch das Individuum mit seinen Sorgen, Nöten und Schwächen (z. B. Hedonismus, politisches Desinteresse bzw. politische Radikalisierung, Angst vor Statusverlust, Hinwendung zur Sexualität als Kompensation für verlorene Identität, Suche nach Identifikationsmustern) in den Mittelpunkt der Literatur. 14.1.1 Die politische Situation nach 1990 Der sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow hatte mit Glas-nost (Politik der Offenheit) und Perestroika (wirtschaftliche Umgestaltung) neue Prinzipien in seinem Land eingeführt, die mittelbar zum Ende der SED-Herrschaft in der DDR führten. 226 $ Literatur nach der Wiedervereinigung Mit dem Fall der Mauer am 9. November 1989 bzw. mit der Herstellung der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 waren die Ziele der Oppositionsbewegung in der DDR ebenso erfüllt, wie der Auftrag des Grundgesetzes, in dem schon 1949 die Wiedervereinigung als Ziel festgeschrieben worden war. Auch in der internationalen Politik gab es seit 1990 einschneidende Veränderungen. Die Sowjetunion brach 1990 auseinander, der Kalte Krieg wurde offiziell für beendet erklärt. Im Dezember 1991 schlossen sich Weißrussland, Russland und die Ukraine zur Gemeinschaft der Unabhängigen Staaten (GUS) zusammen, der weitere acht Staaten der Sowjetunion beitraten. Die GUS beschloss am 21. Dezember 1991 die formelle Auflösung der Sowjetunion zum Ende des Jahres. Die einstmals so mächtige Sowjetunion war nun in viele Teile zerfallen. Auch die anderen Ostblockstaaten wandten sich verstärkt dem Westen zu und führten mehrheitlich eine demokratische und kapitalistische Staatsform ein. Die USA blieben die einzige Weltmacht. Präsident George H. Bush senior entwarf das Konzept einer „Neuen Weltordnung", in der Frieden und Freiheit im Mittelpunkt stehen sollten; die USA verstanden sich als Garant dafür. Schon bald sahen sich die Vereinigten Staaten in dieser neuen Rolle gefordert: Als Vermittler im andauernden Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern sowie als Ordnungsmacht, die mit internationaler Unterstützung den Aggressor Irak aus dem besetzten Kuwait zurückdrängte (1990/1991). Am 11. September 2001 wurden die USA selbst zum Ziel islamistischer Terroristen: Der Angriff auf die Twin Towers in New York wurde zum Signal für den Krieg gegen den internationalen Terrorismus, den US-Präsident George W. Bush junior nun gegen die vermuteten Stützpunkte der Terroristen - Afghanistan und Irak - führte. Der Krieg im Irak war nach wenigen Wochen zu Ende, Saddam Hussein wurde gefangen genommen und 2006 als Kriegsverbrecher hingerichtet. Der Krieg in Afghanistan wurde auch nach der Ermordung des Al Qaida-Führers Osama bin Laden im Mai 2011 durch den amerikanischen Präsidenten Barack Obama fortgesetzt. Die Anschläge vom 11. September erschütterten das abendländische Weltbild nachhaltig. Literatur nach der Wiedervei reinigung / 22?\ Während Europa zusammenwuchs (Aufnahme von Schweden, Finnland und Österreich 1995 in die EU, von acht Staaten aus Osteuropa - Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechien, Slowenien, Slowakei und Ungarn - 2004, Bulgarien und Rumänien 2007), mehrten sich im vereinigten Deutschland die wirtschafdichen Probleme. Im Zeichen der Globalisierung stiegen die Ar-beitslosenzahlen bis an die 5-Millionen-Grenze, der Sozialstaat wurde umgebaut (Hartz IV-Gesetze), die Regierung wechselte mehrfach (CDU/CSU/ FDP-Regierung unter Kanzler Kohl bis 1998, rot-grüne Koalition unter Kanzler Schröder bis 2005, unter Kanzlerin Angela Merkel 2005 bis 2009 und dann wieder ab 2013 große Koalition aus CDU/CSU/SPD). 14,1.2 Kulturelle und gesellschaftliche Voraussetzungen Noch 1990 versprach der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl „blühende Landschaften" im gesamten Bundesgebiet. Doch bald erwies sich diese Prognose als Illusion. Da die traditionellen Absatzmärkte im Osten Europas wegbrachen, kam es in den neuen Bundesländern bald zu wirtschaftlichen Problemen: Fabriken mussten geschlossen werden, Firmen gingen bankrott. Viele Arbeitssuchende kamen vom Osten Deutschlands in den Westen, doch auch da brach das Wirtschaftswachstum ein. Die Zahl der Arbeitslosen stieg, das Auseinanderdriften der Gesellschaft in Arme und Reiche ist bis heute ungebrochen. Globalisierung wurde zum Schlagwort der Jahrtausendwende. Ursprünglich bezog sich der Begriff auf den wirtschaftlichen Sektor, doch schon bald musste man von einer Globalisierung der politischen Probleme ausgehen. So ist der islamistische Terrorismus ein weltweites Problem, manche Wissenschaftler sprechen schon unter Aufnahme des Buchtitels von Samuel Huntington von einem „Kampf der Kulturen", wobei der Islam als Bedrohung für die westliche Zivilisation gesehen wird. In den USA, aber auch in Europa macht sich eine Tendenz breit, Grenzen emanzipatorischer Lebensentwürfe zu markieren und nach einem verbindlichen Wertehorizont (Kreationismus) zu suchen. Eine Absage an die Ideologien des 20. Jahrhunderts geht damit einher. Philosophen und Literaten versuchten um die Jahrtausendwende, die neue Unübersichtlichkeit zu überwinden. Dies führte einerseits zur Hinwendung zu klassischen und antiken Denkmustern, andererseits zu einer sachlichen Beschreibung des Ist-Zustandes der Gesellschaft mit Hilfe der Literatur. Auch die jüngere Vergangenheit, die NS-Zeit und die Geschichte der DDR, wird einer Neubewertung unterzogen. 228 / Literatur nach der Wiedervereinigung Literatur nach der Wiedervereinigung / 229 14.2 Die Literatur der Bundesrepublik Deutschland nach 1990 Auch nach 1990 orientierten sich viele Autoren an der literarischen Tradition. Neben literarische Neuerscheinungen im Stil der „neuen Subjektivität" und der „neuen Innerlichkeit" lassen sich folgende Strömungen ausmachen: - Manche Autoren wandten sich verstärkt geschichtlich-mythologischen Stoffen zu, z. B. Christa Wolf: Medea. Stimmen, Helmut Rrausser: Thematos und Botho Strauß: Ithaka (alle 1996), da sie in ihnen der Gegenwart ähnliche Probleme bzw. Lösungsmöglichkeiten zu erkennen glaubten. - Andere orientierten sich an zeitgeschichtlichen Themen, wie den Lebensbedingungen in den letzten Jahren der DDR oder der Wiedervereinigung (z.B. Erich Loest: Nikolaikirche, 1995, Thomas Brussig: Helden wie wir, 1995, Am kürzeren Ende der Sonnenallee, 1999). - Auch das Leben im vereinten Deutschland, die menschlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme wurden thematisiert (z.B. Rolf Hochhuth: Wessis in Weimar, 1993, Urs Widmer: Top Dogs, 1996, Ingo Schulze: Simple Storys, 1998, Andrea Hanna Hünniger; Das Paradies. Meine Jugend nach der Mauer, 2011). - Nach 1990 kam es zu einer - späten - Rezeption der aus den 50er- und 60er-Jahren stammenden Popliteratur, die zueist in den USA Fuß fasste, nun aber auch in Deutschland und in Österreich gepflegt wird (Christian Kracht: Faserland, 1995, Benjamin von Stuckrad-Barre: Soloalbum, 1998, Sibylle Berg: Sex II, 1998, Wolf Haas: Brenner-Kriminalromane, seit 1996). - Die Trashliteratur, die soziale Außenseiter und ihre Lebensbedingungen darstellt, fand immer mehr Verbreitung (Heiner Link, Lou A. Probsthayn). - Daneben gibt es eine Vielzahl von autobiografischen oder autobiografisch gefärbten Texten, in denen sich vor allem ältere, etablierte Autoren angesichts der zusammenbrechenden politischen und sozialen Strukturen Rechenschaft über ihr Leben geben (Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben, 1999, Günter Grass: Mein Jahrhundert, 1999, Beim Häuten der Zwiebel, 2006, und Martin Walser: Angstblüte, 2006). 14.2.1 „Wendeliteratur" Nach dem Zusammenbruch der DDR und der Vereinigung der beiden deutschen Staaten erwarteten viele einen bedeutenden Roman, der diese Problematik aufarbeiten würde. Diese Hoffnung wurde bis heute enttäuscht. "WA'.*. Marr-p U '.< r-R-uiirk' l'bu iLi S-.ifir?..i rfMJü. yrc-Ken 5.1 .Ljülipri Reich-Ranickis Totalverriss von Grass' Roman Ein wertes Feld sorgte fur Schlagzeile Eine literarische Auseinandersetzung mit dem System DDR und dem Leben der Menschen dort fand jedoch sehr wohl statt. Dabei wurden die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse in den letzten Jahren der DDR und oft auch der Prozess des Zusammenwachsens der beiden deutschen Staaten thematisiert. Oft knüpfte diese Literatur an die kritische Literatur der DDR (z.B. Christoph Heins Novelle Der fremde Freund/Drachenblut, 1983) und der Bundesrepublik (z. B. Martin Walsers Dorle und Wolf, 1987) an. - Martin Walser veröffentlichte 1991 seinen Roman Verteidigung der Kindheit. Darin erzählt der Autor die Lebensgeschichte Alfred Dorns, eines Jura-Studenten aus Leipzig. Er schildert die Stationen seines beruflichen und privaten Werdegangs von Ost- nach Westdeutschland und wieder zurück und reflektiert dabei die deutsche Ge schichte zwischen 1929 und 1987. - In seinem 1995 veröffentlichten Roman Nikolaikirche zeigt Erich Loest, wie das Unterdrückungssystem der DDR in Familien hineinwirkte. Während Astrid Protter die Verlogenheit des Systems erkennt und sich als Aktivistin in der Friedensbewegung engagiert, betätigt sich ihr Bruder, Sascha Bacher, als hauptamtlicher Stasi-Spitzel, versucht jedoch gleichzeitig, seine Familie vor den Nachstellungen der eigenen Behörde zu schützen. Der Titel des Romans verweist auf ein Symbol der friedlichen Revolution von 1989: Die Nikolaikirche in Leipzig war 1989 ein Zentrum der Montagsdemonstrationen, in denen immer mehr DDR-Bürger freie Wahlen und die Öffnung der Grenzen forderten. - In seinem Roman Ein weites Feld (1995) beschreibt Günter Grass die Wiedervereinigung vor dem Hintergrund der ersten Reichseinigung 1871. Dabei trat die Bundesrepublik Deutschland an die Stelle Preußens als Vormacht im geeinten Staat. Die Protagonisten sind Theo Wuttke, genannt „Fonty", ein moderner Theodor Fontane, und Hoftaller, eine leicht veränderte Figur aus Hans Joachim Schädlichs Roman Taühover (1986). Wuttke äußert einen Kerngedanken des Romans und damit wohl auch die Skepsis des Autors bezüglich des Einigungsprozesses: „Deutsche Einheit ist immer die Einheit der Raffkes und Schofelinskis". 230 / Literatur nach der Wiedervereinigung Literatur nach der Wiedervereinigung / 231 - Ingo Schulze erzählt in Simple Storys. Ein Roman aus der ostdeutschen Provinz (1998) in 29 Kurzgeschichten von den Brüchen in den Biografien, die durch die Wiedervereinigung entstanden sind. Die politischen Ereignisse bilden den Hintergrund, vor dem die alltäglichen Probleme in der ostdeutschen Provinzstadt Altenburg um die Mitte der 1990er Jahre geschildert werden: Schwierigkeiten des beruflichen Neuanfangs, der Umwertung von Werten, dem Zerbrechen von alten und dem Knüpfen neuer Beziehungen sind Herausforderungen, mit denen die wechselnden Erzähler, die an andeien Stellen als Figuren der Handlung auftreten, konfrontiert sind. Uber die Figuren entsteht ein erzählerisches Handlungsgeflecht, das vom Leser erschlossen werden will. Das Thema Leben in Ost und West, vor und nach der Wiedervereinigung, wurde auch in Form der Sarire dargestellt (Thomas Brussig: Am kürzeren Ende der Sonnenallee, 1999). In nicht immer ganz ernster Form wird auch der Zusammenbruch der DDR zu einem Gegenstand der Literatur (Thomas Brussig: Helden wie wir, 1995, Sven Regener: Herr Lehmann, 2001). 14.2.2 Junge Erzähler" Der Begriff „Junge Erzähler" ist mehrdeutig. Er meint einerseits das Lebensalter dieser oft zwischen 1960 und 1970 geborenen Autoren, meist handelt es sich um Autorinnen. Der Begriff steht andererseits für die Erzählweise, die jugendlich und unkonventionell erscheint, weil sie einen Hang zum Fiktiven, zum Geschichtenerzählen zeigt, wie er der Vorgängergeneration fremd war. Die Geschichten dieser „jungen Erzähler" sind oft autobiografisch gefärbt: oder geben sich zumindest den Anschein, es zu sein. Damit wirken sie für den Leser authentisch und wurden, da sie handlungsreich erzählt sind und ihr Reflexionsgehak nie vordergründig ist, oft zu nationalen Bestsellern und in viele Sprachen übersetzt. Die Texte zeichnen sich durch eine große thematische Bandbreite aus. Wichtige Autoren und ihre Werke: Zoe' Jenny (geb. 1974 in Basel) In ihrem Debütroman Das Blütenstaubzimmer (1997), der von Kritik und Publikum begeistert aufgenommen, in 20 Sprachen übersetzt und mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde, erzählt die Autorin von einem jungen Mädchen auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Die Ich-Erzählerin Jo wächst bei ihrem Vater auf, der sie vernachlässigt, weil er tagsüber Bücher schreibt und druckt. Da er diese aber nicht verkaufen kann, muss er nachts als Kurierfahrer arbeiten. Als auch verschiedene Freundschaften oberflächlich bleiben, macht sich Jo nach dem Abitur auf die Suche nach ihrer Mutter, die aber mittlerweile in einer neuen Beziehung lebt und sich einer Annäherung verweigert. Desillusioniert wendet sich Jo von der Welt ihrer Kindheit und dem dort herrschenden Lebensstil ab. Die Thematik des Erwachsenwerdens und die Suche nach einem eigenen Lebensentwurf bestimmt auch die nächsten Romane Zoe Jennys (Ruf des Muschelhorns, 2000, Ein schnelles Leben, 2002, Das Portrait, 2007). Karen Duve (geb. 1961 in Hamburg) Karen Duve setzt sich in ihren Kurzgeschichten und Romanen ebenfalls mit der oft trostlosen Situation von Jugendlichen sowie mit Menschen auseinander, die sich nicht den Rollenklischees fügen (Keine Ahnung, 1999, Regenroman, 1999, Dies ist kein Liebeslied, 2002, Taxi, 2008). Birgit Vanderbeke (geb. 1956 in Dahme/Brandenburg) In ihrer Erzählung Das Muschelessen (1990) zeigt die Autorin die Spannungen in einer traditionellen, ursprünglich aus der DDR stammenden Familie, die erst zutage treten, als der Vater, der sich selbst als Familienoberhaupt versteht und seine Frau und seine beiden Kinder dementsprechend behandelt, von einer Geschäftsreise nicht zum vereinbarten Zeitpunkt zurückkommt. Judith Hermann (geb. 1970 in Westberlin) In ihrem Erzählband „Sommerhaus, später" (1998) thematisiert Hermann die Ziellosigkeit und Lethargie, die das Leben vieler junger Menschen in den Jahren nach der Wiedervereinigung bestimmte. Andere Autoren, die sich stilistisch und altersmäßig den „Jungen Erzählern" zuordnen lassen, sind Julia Franck (Liebediener, 1999, Bauchlandung, 2000, Lagerfeuer, 2003, Die Mittagsfrau, 2007), Frank Goosen (Liegen lernen, 2000), Florian Illies (Generation Golf 2000), Wladimir Kaminer (Russendisko, 2000) Benjamin Leben (Crazy, 1998); Sven Regener (Neue Vahr Süd, 2004), Atexa Henning von Lange (Relax, 1997, Erste Liebe, 2004) und Juli Zeh (Adler und Engel, 2001, Spieltrieb, 2004, Corpus Delicti. Ein Prozess, 2009). Die Grenze zur Popliteratur ist fließend. 232 / Literatur nach der Wiedervereinigung Literatur nach der Wiedervereinigung 14.2.3 Popliteratur Popliteratur kam in den 1940er-Jahren in den USA auf und wandte sich gegen die verkrusteten gesellschaftlichen Strukturen. Autoren wie William S. Burroughs und Allen Ginsherg versuchten zum ersten Mal, der jugendlichen Subkultur ein Sprachrohr zu geben. In Deutschland verbreitete Rolf Dieter Brinkmann in den 1960ei-Jahren die US-Popliteratur in seiner Zeitschrift Acid und schrieb auch selbst Texte im Stil der Pop-Literatur, die in der restaurativen Nachkriegszeit viele Zeitgenossen provozierten, darunter auch die Vertreter der von der Gruppe 47 dominierten Literaturszene. Von vielen jungen Lesern wurde die Popliteratur jedoch als Möglichkeit angenommen, sich im Zeichen der 68er-Bewegong von der Elterngeneiation zu distanzieren. In den 1990er-Jahren, nach dem Fall der Mauer und der fortschreitenden Kommerzialisierung des Alltags, kam es im Anschluss an Christian Krachts Roman Faserland (1995) zu einer Welle von neuen Veröffentlichungen, die der Popliteratur zugerechnet werden. Vielen Kritikern erscheint die Popliteratur zu oberflächlich, um ernst genommen zu werden. Sie werfen den jungen Autoren vor - politisch unkorrekt - die gesellschaftlichen Zustände nicht kritisch zu hinterfragen, sondern sie als gegeben darzustellen und dabei lediglich sich selbst zu inszenieren. Doch genau dies ist die Absicht der Pop-Autoren: Sie wollen die Grenzen zwischen ernster und Utiterhaltungsliteratur überwinden und geben dazu die Alltagswelt ihrer jugendlichen Protagonisten detailgenau wieder. Ihre Dichtung ist im Hier und Jetzt angesiedelt, in den Texten finden sich konkrete Bezüge zu öffentlichen Personen der Gegenwart, zu gängigen Labels und Lifestyle-Accessoires, zu zeitgenössischer Musik, zu Kino und Literatur der Gegenwart. Dies wiederum spricht eine kundige, meist jugendliche Leserschaft an, die die Texte als authentisch rezipiert und selbstständig über das Dargestellte nachdenkt; die hohen Auflagenzahlen von Pop-Romanen spiegeln dies wider. Hinzukommt, dass die Pop-Literaten die traditionellen Wege der Literaturvermittlung - Buchveröffentlichung und Dichterlesung - verlassen. Viele von ihnen treten bei Poetry Slams oder Kneipenlesungen auf oder verfügen über Erfahrungen als Autoren für Zeitungen und Fachzeitschriften, für das Fernsehen oder als DJ. Konsequent nützen sie so auch die Medien zur Vorstellung ihrer Texte oder gestalten ihre öffentlichen Auftritte als Events, Merchandising eingeschlossen - ein Meister darin ist Benjamin von Stuckrad-Barre, der über eine eigene Sendung bei MTV einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde. Wichtige Autoren und Werke der deutschen Popliteratur nach 1990: Christian Kracht (geb. 1966) Sein Roman Faserland (1995) ist ein literarisches Roadmovie, in dem ein junger Erwachsener, der nie namentlich benannt wird, Deutschland von Nord nach Süd und bis in die Schweiz durchquert. Nach seinem Aufenthalt in einem Eliteinternat irrt er ziellos durch sein „Fatherland": Von Sylt aus geht die Reise über Hamburg, Frankfurt a. M. und München weiter an den Bodensee, von dort aus nach Zürich. Der Ich-Erzähler nimmt bei seinen Aufenthalten an Partys teil, die meist in Alkohol- oder Drogenexzesse ausarten oder bei denen sexuelle Erlebnisse im Vordergrund stehen. Er selbst bleibt aber immer der distanzierte Beobachter. Durch diese Erzählhaltung gelingt es dem Autor, die Leseerwartung eines jugendlichen Publikums zu befriedigen, zugleich aber nicht Partei zu beziehen. Der offene Schluss des Romans - die Reise endet mitten auf dem Zürichsee - könnte auf einen Selbstmord des des-illusionierten Protagonisten hinweisen - im Vordergrund steht jedoch die scheinbar objektive Darstellung eines „zerfaserten" Deutschland. Benjamin von Stuckrad-Barre (geb. 1975) Stuckrad-Barres Roman Soloalbum (1998) beginnt traditionell: Der Ich-Erzähler wurde von seiner Freundin Katharina verlassen und fühlt sich einsam. Allein versucht er sein Leben zu leben - mehr oder weniger unorganisiert, antriebslos und vor allem unglücklich. Zwar lernt er verschiedene Frauen kennen, doch seine Depressionen bleiben, auch das Joggen, Trinken und der Besuch verschiedener Partys ändern daran nichts. Seine wiederholten Versuche, zu Katharina Kontakt aufzunehmen, bringen nicht das gewünschte Ergebnis, er bleibt „solo". Der Alltag des Ich-Erzählers entspricht dem Klischee des Singlealltags der Zwanzig- bis Dreißigjährigen, ist geprägt von Resignation, oberflächlichem Genuss und ohne individuelle Lebensziele. Der Titel des Romans drückt in der Sprache des Musikbusiness die Grundthematik des Romans aus. Die Musik ist auch ein Leitmotiv: Der Ich-Erzähler pflegt seine Plattensammlung, holt mit Vorliebe die Britpop-Band Oasis. j 234 4 Literatur nach der Wiedervereinigung 14.2.4 Drama nach 1990 Die Entwicklung des Dramas nach 1990 ist unspektakulär. Es gibt zwar neue Stücke, z. B. von Franz Xaver Kroeez (Der Drang, 1994, Ich bin das Volk, 1994 und Das Ende der Paarung, 1996) und von Peter Turrini (Alpenglühn, 1993), die im Ton des „neuen Volksstucks" verfasst sind, sie blieben aber auf der Bühne unwirksam. Ebenso verhält es sich mit den Werken von Botho Strauß, die sich mit der politischen Wende von 1990 beschäftigen: Schlußchor (1991) und Ithaka (1996), Häufig gespielt wurden in den 1990er-Jahren die Dramen von Tankred Dorst, die bald im Jahresrhythmus zur Uraufführung gelangten (Herr Paul, 1994; Die Schauenlinie, 1995; Was sollen wir tun, 1997; Die Legende vom armen Heinrich, 1997; Wegen Reichtum geschlossen, 1998). Für Aufruhr in den Medien, weniger auf dem Theater, sorgte allenfalls Rolf Hochhuth mit seinem Nachwendedrama Wessis in Weimar (1993). Der Schweizer Urs Widmer (1938-2014), der schon in den 70er- und 80er-Jahren erfolgreich war, hatte mit Top Dogs (1996) einen Bühnenerfolg. Er zeigt in seinem Drama arbeitslose Manager, die in einem „Outplacement-center", einer Einrichtung für entlassene Führungskräfte, zusammenkommen, wo ihnen geholfen wird, die Situation der Arbeitslosigkeit zu bewältigen und einen neuen Arbeitsplatz zu finden. Die Personen leiden unter ihrer Situation und erleben nun selbst das, was sie zuvor den Angestellten angetan haben. Alle sind sich selbst völlig entfremdet, keiner schafft die Rückkehr in ein normales Leben. Werte wie Familie, Liebe oder Selbstbestimmung existieren für sie nicht mehr. Die Top Dogs streben nach Macht und Einfluss, Erfolg und Geld. Nur deshalb lassen sie sich auf die Spiele im Outplacementcenter ein - auch wenn diese oft menschenunwürdig sind. 14.2.5 Lyrik nach 1990 In den Jahren nach 1990 prägen sich verschiedene Facetten der Lyrik aus: - Etablierte Autoren (u. a. Ulla Hahn, Peter Rühmkorf) schreiben ihr Werk fort und erreichen damit öffentliches Interesse und passable Verkaufszahlen. - Politische Gedichte stammen ebenfalls von bereits etablierten Autoren Qürgen Becker, Sarah Kirsch, Rolf Haufs). Ihre Themen sind die gleichen geblieben (Natur als Spiegel menschlicher Beziehungen und gesellschaftlicher Zustände), meist tragen die Gedichte der 1990er-Jahre aber resigna-tive Züge. Im Frühjahr 2012 rief das Gedicht Was gesagt werden muss von Günter Grass großes Medienecho hervor. Dem Autor, der vor einem Atomkrieg zwischen Israel und Irak warnt, wurde eine antiisraelische, ja antisemitische Haltung vorgeworfen. Literatur nach der Wiedervereinigung ^ ^ . - Autoren wie Wulf Kirsten und Thomas Rosenlöcher versuchen in ihren Gedichten die Erfahrungen der DDR-Bärger auch nach der Wiedervereinigung zu bewahren. - Durs Grünbein (geb. 1962 in Dresden) setzt sich in seinen Gedichten, die im Band Schädelbasislektion (1991) erschienen sind, mit der Situation des Mauerfalls auseinander. Der Gedichtband Dm Teuren Toten. 33 Epitaphe (1994) behandelt das Verhältnis zum Tod in der Antike und in der Gegenwart. Der Dichter wurde 1995 mit dem Georg-Büchner-Pieis ausgezeichnet. Robert Gernhardt (1937-2006) wird wegen seiner humoristischen Gedichte geschätzt, mehr und mehr wird zudem die ihnen innewohnende Kunstfertigkeit, ja Ernsthaftigkeit wahrgenommen. In seinen letzten Gedichtbänden Die K-Gedichte (2004) und Später Spagat (2006) beschäftigt sich Gernhardt mit seiner Krebserkrankung. Herausragend unter den jungen Lyrikern ist der Münchner Albert Osler -meiet (geb. 1967). Für seine kunstvolle Lyrik, die der Tradition Brechts folgt, Elemente der Popliteratur aufnimmt und in ihrer Rhythmik dem Rap ähnelt, wurde er mit vielen Preisen ausgezeichnet. 14.2.6 Literarisches Leben: Der deutsch-deutsche Literaturstreit Im November 1989 wurde von Stefan Heym, Christa Wolf, Volker Braun u. A. der Appell Für unser Land veröffentlicht, in dem sich die Autoren für „eine sozialistische Alternative zur BRD" stark machten. Als Christa Wolf am 4. November bei einer Kundgebung auf dem Berliner Alexanderplatz vor einer großen Menge sprach, häuften sich die Vorwürfe gegen prominente Autoren der DDR. Vertreter der Bürgerrechtsbewegung warfen ihnen vor, als prominente Privilegierte zumindest indirekt das SED-Regime stabilisiert zu haben. Der Konflikt erreichte einen ersten Höhepunkt, als Christa Wolf 1990 ihren autobiografischen Prosaband Was bleibt? veröffentlichte, den sie 1979 begonnen und 1989 überarbeitet hatte. Darin erzählt sie in tiefer Betroffenheit von einer lange zurückliegenden Situation in ihrem Leben, in der sie bemerkte, wie sie vom Staatssicherheitsdienst observiert und ausgeforscht wurde. Kritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Zeit Christa Wolf bei der Kundgebung am 4.11.1989 236 + Literaturnach der Wiedervereinigung Literaturnach der Wiedervereinigung 4 237 fragten kritisch nach, warum Christa Wolf sich erst jetzt, nach dem Zusammenbruch der DDR, zu diesem Thema äußere. Als dann auch noch bekannt wurde, dass sie selbst in den Sechzigerjahren für den Staatssicherheitsdienst tätig war - in welchem Umfang auch immer-, erschien ihre Position vielen vollends unglaubwürdig. Die Kritik prominenter westdeutscher Journalisten wie Frank Schirrmacher und Ulrich Greiner richtete sich aber nicht nur gegen Christa Wolf; auch andere DDR-Autoren wie Volker Braun und Stefan Heym sowie eine Vielzahl linksintellektueller Autoren aus der Bundesrepublik (Heinrich Boll, Günter Grass, Peter Rühmkorf) gerieten ins Fadenkreuz der Medien. Mit dem Begriff der ..Gesinnungsästhetik" qualifizierte man ihre Dichtungen ab. Erst später, nach der ersten Sichtung der Stasi-Unterlagen, wurde bekannt, dass fast alle OppositionsgTuppen von Stasi-Spitzeln unterwandert waren, was die persönliche „Schuld" einzelner Autoren relativierte. 14.3 Autoren und Werke 14.3.1 Erste Liebe und nationalsozialistische Vergangenheit: Schlinks Roman „Der Vorleser" Kurzbiografie: Bernhard Schllnk 1944 1975 1981 1987 seit 1990 1992 1995 2000 2001 2010 geboren in der Nähe von Bielefeld als Sohn eines Theologieprofessors Jurastudium in Heidelberg und Berlin Promotion zum Dr. jur. Habilitation, anschließend Professor für Verfassungs- und Verwaltungsrecht an der Universität Bonn Selbs Justiz (Roman, zusammen mit Walter Popp) Die gordische Schleife (Roman) Richter am Verfassungsgerichtshof des Landes Nordrhein-Westfalen in Münster Professor für Staatsrecht und Öffentliches Recht an der Humboldt-Universität Berlin Selbs Betrug (Roman) Der Vorleser (Roman) Liebesfluchten (Erzählungen) Selbs Mord (Roman) Sommerlügen (Erzählungen) 1988 seit 1988 Schlinks Roman, 1995 erschienen und seit 1997 in einer Taschenbuchausgabe erhältlich, wurde innerhalb kürzester Zeit der „Renner" als Lektüre in der gymnasialen Oberstufe. Dazu trug sicherlich seine Kürze und die klare Strukturierung in drei Teile mit insgesamt 46 Kapiteln bei. Entscheidend für den Erfolg des Vorlesers als Schullektüre ist aber die Thematik: Schlink beschreibt die Geschichte einer ersten Liebe vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Vergangenheit der weiblichen Hauptperson. Worum geht es konkret? Zum Inhalt: Der fünfzehnjährige Gymnasiast Michael Berg lernt durch Zufall die 36-jährige Hanna Schmitz kennen. Er verliebt sich in sie und wird ihr heimlicher Geliebter, bis die Frau nach etwa einem Jahr plötzlich und ohne Vorankündigung aus der Stadt wegzieht (1. Teil). Im 2. Teil des Romans, der im Jahr 1966 spielt, trifft Michael Berg, der als Jura-Student einen NS-Prozess verfolgt, wieder auf Hanna - sie ist eine der Angeklagten -, ohne dass es zu einer persönlichen Begegnung kommt. Nach der Verurteilung Hannas zu einer lebenslänglichen Haftstrafe schickt Berg ihr Audiocassetten, die er anfangs mit Texten aus der Odyssee bespricht, ohne persönlichen Kommentar ins Gefängnis - und nimmt damit einen Teil ihres einstigen Liebesrituals wieder auf, das darin bestand, dass er Hanna vor dem Geschlechtsverkehr aus seiner Schullektüre vorlesen musste. Zehn Jahre später wird Michael Berg, weil er als Einziger zu der Inhaftierten Kontakt hat, von der Gefängnisleitung gebeten, sich um die Wiedereingliederung der inzwischen begnadigten Hanna Schmitz zu kümmern. Als er sie am Tag ihrer Entlassung im Gefängnis abholen will, findet er die Frau tot vor; sie hat sich erhängt (3. Teil). Tiefendimension gewinnt die Handlung vor allem durch die Besonderheit der weiblichen Hauptperson: Hanna Schmitz ist Analphabetin. Dies wird Michael Berg aber erst während des Prozesses klar, als die Frau eine sie belastende Handschrift als die ihrige ausgibt und damit zu ihrer Verurteilung beiträgt, statt alle möglichen Mittel zu ihrer Verteidigung zu nützen. Dies hätte aber bedeutet, dass sie ihren geheim gehaltenen Makel offenbart. Dazu ist sie jedoch nicht bereit. Doch auch das Verhalten der männlichen Hauptfigur ist problematisch: Michael Berg - der fiktive Erzähler - beschreibt sein Schuldigwerden (er hätte Hanna im Prozess helfen können, wenn er den Richter über ihren Analphabetismus informiert hätte) und seine Egozentrik (er besucht Hanna während ihrer 18-jährigen Haftzeit nie aus eigenem Antrieb und sucht auch ihr Grab nur einmal auf). Folgender Textauszug stammt aus dem 10. Kapitel des 2. Buchs: 238 / Literatur nach der Wiedervereinigung Literatur nach der Wiedervereinigung f 239 Ich habe die Stelle im Wald wiedergefunden, wo sich mir Hannas Geheimnis enthüllte. Sie hat nichts Besonderes und hatte damals nichts Besonderes, keinen eigentümlich gewachsenen Baum oder Fels, keinen ungewöhnlichen Blick auf die Stadt und in die Ebene, nichts, was zu überraschenden Assoziationen einladen würde. Beim Nachdenken über Hanna, Woche um Woche in denselben Bahnen kreisend, hatte sich ein Gedanke abgespalten, hatte seinen eigenen Weg verfolgt und schließlich sein eigenes Ergebnis hervorgebracht. Als er damit fertig war, war er damit fertig - es hätte überall sein können oder jedenfalls überall da, wo die Vertrautheit der Umgebung und Umstände zulässt, das Überraschende, das einen nicht von außen anfällt, sondern innen wächst, wahrzunehmen und anzunehmen. So war es auf einem Weg, der steil den Berg hinansteigt, die Fahrstraße überquert, einen Brunnen passiert und zuerst unter alten, hohen, dunklen Bäumen und dann durch lichtes Gehölz föhn. Hanna konnte nicht lesen und schreiben. Deswegen hatte sie sich vorlesen lassen. Deswegen hatte sie mich auf unserer Fahrradtour das Schreiben und Lesen übernehmen lassen und war am Morgen im Hotel außer sich gewesen, als sie meinen Zettel gefunden, meine Erwartung, sie kenne seinen Inhalt, geahnt und ihre Bloßstellung gefürchtet hatte. Deswegen hatte sie sich der Beförderung bei der Straßenbahn entzogen; ihre Schwäche, die sie als Schaffnerin verbergen konnte, wäre bei der Ausbildung zur Fahrerin offenkundig geworden. Deswegen hatte sie sich der Beförderung bei Siemens entzogen und war Aufseherin geworden. Deswegen hatte sie, um der Konfrontation mit dem Sachverständigen zu entgehen, zugegeben, den Bericht geschrieben zu haben. Hatte sie sich deswegen im Prozess um Kopf und Kragen geredet? Weil sie das Buch der Tochter wie auch die Anklage nicht hatte lesen, die Chancen ihrer Verteidigung nicht hatte sehen und sich nicht entsprechend hatte vorbereiten können? Hatte sie deswegen ihre Schützlinge nach Auschwitz geschickt? Um sie, falls sie was gemerkt haben sollten, stumm zu machen? Und hatte sie deswegen die Schwachen zu ihren Schützlingen gemacht? Deswegen? Dass sie sich schämte, nicht lesen und schreiben zu können, und lieber mich befremdet als sich bloßgestellt hatte, verstand ich. Scham als Grund für ausweichendes, abwehrendes, verbergendes und verstellendes, auch verletzendes Verhalten kannte ich selbst. Aber Hannas Scham, nicht lesen und schreiben zu können, als Grund für ihr Verhalten im Prozess und im Lager? Aus Angst vor der Bloßstellung als Analphabetin die Bloßstellung als Verbrecherin? Aus Angst vor der Bloßstellung als Analphabetin das Verbrechen? Wie oft habe ich mir damals und seitdem dieselben Fragen gestellt. Wenn Hannas Motiv die Angst vor Bloßstellung war-wieso dann statt der harmlosen Bloßstellung als Analphabetin die furchtbare als Verbrecherin? Oder meinte sie, i ohne jede Bloßstellung durch- und davonzukommen? War sie einfach dumm? Und war sie so eitel und böse, für das Vermeiden einer Bloßstellung zur Verbrecherin zu werden? Aus: B. SM'mk, Der Vorleser. Diogenes: Zürich 1995, S. 126 ff. 14.3.2 Ein Roman vom Scheitern großer Utopien: Timms „Rot" Kurzbiografie: Uwe Timm 1940 ab L963 seit 1971 1974 1989 1993 seit 1994 2001 2003 2005 2008 geboren in Hamburg, Volksschule, Lehre als Kürschner Abitur; Studium der Philosophie und Germanistik in München und Paris, dann Studium der Volkswirtschaft und der Soziologie in München freier Schriftsteller Heißer Sommer (Roman) Rennschwein Rudi Rüssel (Kinderroman) Die Entdeckung der Currywurst (Novelle) Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Rot (Roman) Am Beispiel meines Bruders (Roman) Der Freund und der Fremde (Erzählung) Halbschatten (Roman) Uwe Timm ist einer der wichtigsten deutschen Romanautoren der Gegenwart. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er in den 1970er-Jahren mit dem Roman Heißer Sommer bekannt, in dem er sich mit den Studentenunruhen des Jahres 1968 beschäftigt. Nach vielen Romanen, darunter den Kinderbüchern Rennschwein Rudi Rüssel und Der Schatz auf Pagensand, der Novelle Die Entdeckung der Currywurst sowie zahlreichen Auszeichnungen (Literaturpreis der Stadt Bremen 1979, Literaturpreis der Stadt München 1989 und Deutscher Jugendliteraturpreis 1990) ist Uwe Timm mit Rot zur Thematik der 68er-Bewegung zurückgekehrt. Am Beispiel des Ich-Erzählers Thomas Linde, der sich als Grabredner für Atheisten durchs Leben schlägt, beleuchtet der Autor die einstigen Hoffnungen und Wünsche der „68er", ihre Entwicklung, ihr Scheitern und ihre Lebensläufe, vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte. Der Roman beginnt mit dem Moment nach dem tödlichen Verkehrsunfall des Ich-Erzählers. In diesem Augenblick zieht sein ganzes Leben an ihm vorüber: Seine Kindheit in Hamburg, die Erinnerung an Menschen, die eine bestimmte Rolle im Leben von Thomas Linde gespielt haben und seine letzte Liebesbeziehung zu der 21 Jahre jüngeren Iris, die ein Kind von ihm erwartet. Breiten Raum nehmen die Erinnerungen an die Studentenrevolten von 1968 ein, 240 / Literatur nach der Wiedervereinigung ■iteratur nach der Wiedervereinigung / 241 die durch die Grabrede zum Tod Aschenbergers, eines Weggefährten von Thomas Linde aus dieser Zeit, ausgelöst werden. Bei seiner Recherche zu dieser Rede erkennt dieser, dass Aschenberger den damaligen Idealen treu geblieben ist, während er selbst sich der gesellschaftlichen Entwicklung angepasst hatte. Damit beginnt der Ich-Erzähler sein eigenes Leben kritisch zu hinterfragen, erkennt seinen Pragmatismus und versucht das Versäumte nachzuholen. Im Andenken an Aschenberger macht er sich mit einem Piastiksprengsatz auf den Weg, die Siegessäule in Berlin, das Symbol für die gesellschaftliche Entwicklung Deutschlands, in die Luft zu sprengen - wird auf dem Weg dorthin jedoch von einem Auto überfahren. In folgendem Textauszug reflektiert der Ich-Erzähler die Bedeutung der Farben: Es gab einmal einen Mann, der wollte alles ändern, vor allem sich selbst. Er wollte mutig sein. Er wollte nicht mehr lügen. Nicht mehr andere, noch sich selbst belügen. Er wollte, das war sein innigster Wunsch, größer werden, nicht körperlich, nein, er hatte eine gute Größe, er wollte offen sein für alle, fragend s sich verhalten, weniger Antworten, mehr Fragen, er wollte die Dinge neu benennen. Das hast du doch auch versucht. Das Rot neu sehen. Rot sehen. Die Farbe Rot. Du trägst Schwarz, aber sammelst alles über die Farbe Rot. Eine der Urfarben. Eine Farbempfindung, hervorgerufen durch Licht mit Wellenlängen von etwa 59° nm bis zum langwelligen Ende des Spektrums, etwa 75° nm. Rot io wie Blut. Der Osten ist rot. Hieß es. Der rote Faden aber findet sich in dem englischen Tauwerk, an ihm entlang werden Seile geschlagen. Die Decks der englischen Kriegsmarine waren rot gestrichen, so sollte in der Schlacht den Seesoldaten der Schreck beim Anblick des Bluts genommen werden. Farben, die den Charakteren zugeordnet werden. Blau der Geist. Rot die Leidenschaft. Und i5 so haben auch die Parteien die Farben okkupiert. In Manövern siegt die blaue Partei immer über Rot. Die Blauen gibt es in der deutschen Parteienlandschaft nicht, allzu naheliegend wäre das Wortspiel: Die sind blau. Aber es gibt die Grünen, die Roten, die Schwarzen. Eine Zeitlang wurde von den Liberalen versucht, die Farbe Gelb für sich zu okkupieren, der Außenminister Genscher 20 spannte sich einen gelben Pullover über den Bauch. Kükengelb. Sind das Zufälle? Ist, wer Braun als Farbe wählt, nur zufällig auf diese Farbe gestoßen, weil nun gerade einmal der Stoff zuhanden war? Oder gibt es doch tiefere Verbindungen, Neigungen, charakterliche Korrespondenzen? Wird dem Braun auf der Wahrnehmrmgsebene des Geruchs nicht das Modrige, Muffige, Bratige zuge- 25 schrieben? Das braune Haus. Das braune Hemd. Kackbraun. So wie die Schwarzen nicht schwarz sind. Auch besteht beim Schwarz als Programm ein grundsätzlicher Widerspruch, schwarz können die Klerikalen sein, Katholiken, Konservativen, es können aber auch die Autonomen sein, die Anarchisten. Rot die Farbe des Aufruhrs, Farbe der Freiheit. Farbe der Erweite- 3o rung, Farbe der Revolution, in der reinen Form, an ihrem Anfang, Wunsch nach einer anderen, weit radikaleren Sinnenhaftigkeit - der Anspruch auf ein sinnerfulltes Leben. Der Augenblick des Aufstands, der Revolte, der Revolution, bevor sie in den neuen Macht- und Herrschaftszwängen des Parteiapparats erstarrte, aber davor, in diesem transistorischen Moment, als der Krieg beendet 35 war, der Zar vertrieben, die Betriebe von Arbeitern besetzt worden waren, stieg in Leningrad ein Arbeiter auf den höchsten Fabrikschornstein, stand oben mit zwei roten Signalfahnen und dirigierte die Fabriksirenen der Stadt, die normalerweise zur Arbeit riefen, zu einem Konzert: die Internationale. Aus; U. Timm: Rot Deutscher Taschenbuch Verlag: München 62006, 5. 3591 [Lizenz von Kiepenheuer & Witsch: Kofo 2001J Uwe Timms Roman zeigt typische Kennzeichen des modernen Romans: assoziative Strukturen statt chronologischer Erzählweise, multiperspektivisches Erzählen, Montagetechnik, ein „Antiheld" als zentrale Figur. Die Farbe Rot ist als Leitmotiv zu verstehen: Der Titel des Romans verweist auf die Farbe des Blutes (also den Autounfall) und die politische Stimmung im Jahr 1968; er weckt zudem Assoziationen an Liebe und Leidenschaft, die im Roman eine zentrale Rolle spielen. 14.3.3 Das Projekt Aufklärung im Roman: Kehlmanns „Die Vermessung der Welt" Kurzbiografie; 1975 1981 ab 1993 1997 2001 2003 2005 2005/2006 2006/2007 2009 2013 : Daniel Kehlmann geboren in München als Sohn eines Regisseurs und seiner Frau Übersiedelung der Familie nach Wien Studium der Philosophie und Literaturwissenschaft in Wien Beerholms Vorstellung (Roman) Gastdozentur für Poetik an der Universität Mainz Ich und Kaminski (Roman) Die Vermessung der Welt (Roman) Gastdozentur für Poetik an der FH Wiesbader, Gastdozentur für Poetik an der Universität Göttingen Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten F (Roman) 242 / Literatur nach der Wiedervereinigung Daniel Kehlmann erzählt in seinem Roman eine Doppelbiografie, nämlich die Lebensgeschichten von zwei Männern, die verschiedener nicht sein könnten. Der eine, Alexander von Humboldt, wird als typischer preußischer Beamter dargestellt, der auf seiner Reise durch Südamerika abstinent lebt und stets Uniform trägt. Humboldt kommt es auf die Erkenntnis der sichtbaren Dinge an - und nichts davon lässt er aus: Er durchquert den Urwald und besteigt Vulkane und Berggipfel, er beobachtet den Sternenhimmel und die Erdlöcher am Wegesrand; er trifft auf Menschenfresser, lernt Ureinwohner kennen, bleibt aber stets auf Distanz zu ihnen wie auch zu seinen Weggefährten - eine Konstellation, die oft für kulturkritische Exkurse genützt wird. Der andere, der Mathematiker und Astronom Carl Friedrich Gattß, ist als Einzelgänger gezeichnet, unsicher im Umgang mit seinen Mitmenschen, deren Gegenwart ihm nicht wichtig ist. Frauen dienen ihm zur Triebbefriedigung, die Heirat ist für ihn eine gesellschaftliche Selbstverständlichkeit. Als sein Sohn Eugen, der ihn nach Berlin begleitet, von der preußischen Polizei wegen seiner Kontakte zu national denkenden Studenten verhaftet, gefoltert und schließlich nach Amerika ins Exil geschickt wird, berührt das Gauß wenig. Gauß ist ein Sonderling, der seine Heimatstadt nur selten und äußerst ungern verlässt, der in der Welt der Zahlen lebt, Zahlen geben ihm Sicherheit vor den Unwägbarkeiten des Lebens, in der Welt der Zahlen leistet er allerdings Revolutionäres. Gemeinsam ist den beiden Protagonisten, die sich erst 1828 auf dem Deutschen Kulturforscherkongress in Berlin kennengelernt haben, ihr Projekt: Die Vermessung der Welt. Damit greift der Autor das Thema Aufklärung auf und zeigt, wie geniale Wissenschaftler im Sinne von Kants berühmtem Satz „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit" tätig sind. Jeder auf seine Weise, oder wie Humboldt es ausdrückt: „Wann immer einen die Dinge erschreckten, sei es eine gute Idee, sie zu messen" - und damit im Sinne Schillers und der Weimarer Klassik das innere Chaos durch Unterwerfung der äußeren Welt zu bändigen. Das Ergebnis der Forschungen der beiden Protagonisten ist bei aller Verschiedenartigkeit ihres Charakters vergleichbar, beide haben die Welt ein Stück weit entzaubert. Der folgende Textauszug vom Anfang des Romans beschreibt die Abreise Gauß' von Göttingen zum Kongress nach Berlin, zu dem er von Wilhelm von Humboldt eingeladen wurde: Im September 1828 verließ der größte Mathematiker des Landes zum erstenmal seit Jahren seine Heimatstadt, um am Deutschen Naturforscherkongreß in Berlin teilzunehmen. Selbstverständlich wollte er nicht dorthin. Monatelang hatte er sich geweigert, aber Alexander von Humboldt war hartnäckig geblie- Literatur nach der Wied) ervereinigung / 243 s ben, bis er in einem schwachen Moment und in der Hoffnung, der Tag käme nie, zugesagt hatte. Nun also versteckte sich Professor Gauß im Bett. Als Minna ihn aufforderte aufzustehen, die Kutsche warte und der Weg sei weit, klammerte er sich ans Kissen und versuchte seine Frau zum Verschwinden zu bringen, indem er die io Augen schloß. Als er sie wieder öffnete und Minna noch immer da war, nannte ei sie lastig, beschränkt und das Unglück seiner späten Jahre. Da auch das nicht half, streifte er die Decke ab und setzte die Füße auf den Boden. Grimmig und notdürftig gewaschen ging er die Treppe hinunter. Im Wohnzimmer wartete sein Sohn Eugen mit gepackter Reisetasche. Als Gauß ihn sah, 15 bekam er einen Wutanfall; Er zerbrach einen auf dem Fensterbrett stehenden Krug, stampfte mit dem Fuß und schlug um sich. Er beruhigte sich nicht einmal, als Eugen von der einen und Minna von der anderen Seite ihre Hände auf seine Schultern legten und beteuerten, man werde gut für ihn sorgen, er werde bald wieder daheim sein, es werde so schnell vorbeigehen wie ein böser 20 Traum. Erst als seine uralte Mutter, aufgestört vom Lärm, aus ihrem Zimmer kam, ihn in die Wange kniff und fragte, wo denn ihr tapferer Junge sei, faßte er sich. Ohne Herzlichkeit verabschiedete er sich von Minna; seiner Tochter und dem jüngsten Sohn strich er geistesabwesend über den Kopf. Dann ließ er sich in die Kutsche helfen. Aus: D. Kehlmann: Die Vermessung der Welt Rowohlt: Reinbek bei Hamburg 2005, S. 7 f. Kehlmann, der bei Erscheinen des Romans gerade 30 Jahre alt war, wird von der Literaturkritik als Wunderkind, als Genie gefeiert. Der Roman, dessen Startauflage bei 40000 Exemplaren lag, erreichte schon bald die 39. Auflage mit einer Million Exemplaren; Übersetzungen in 30 Sprachen sind in Vorbereitung. Dieser Erfolg liegt - darf man den Kritikern glauben - in der Erzählweise des Autors begründet: Humorvoll, für eine breite Leserschaft verständlich, aber doch mit Respekt vor der Leistung der beiden Wissenschaftler, erzählt Kehlmann auf hohem intellektuellen Niveau ein Stück Wissenschafts- und Kultutgeschichte am Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert. Zum Vorwurf hat man Kehlmann allenfalls gemacht, dass sein ironischanekdotischer Erzählstil die beiden Forscher mehr als unveränderliche Typen denn als Charaktere mit einer Entwicklung zeichne. am Vermessung "J-'eib 244 / Literatur nach der Wiedervereinigung 14.3.4 Sprachkunstwerk und Dokumentation des Schreckens: Herta Müllers Roman „Atemschaukel" Kurzbiografie: Herta Müller 1953 geboten in Nitzkydorf im Banat, einer deutschsprachigen Enklave in Rumänien 1973 bis 1976 Studium der Germanistik und der rumänischen Literatur in Temeswar 1976 Übersetzerin in einer Maschinenfabrik 1979 Entlassung nach ihrer Weigerung, mit dem L rumänischen Geheimdienst Securitate *H zusammenzuarbeiten; danach Arbeit als Lehrerin 1984 Erscheinen ihres erstes Buches Niederungen in Deutschland, nachdem es 1982 in Rumänien nur in stark zensierter Form veröffentlicht wurde; Veröffentlichungsverbot in Rumänien, immer wieder Verhöre, Hausdurchsuchungen und Bedrohungen 1987 Übersiedlung nach Deutschland, lebt als Schriftstellerin in Berlin Seit 1989 Gastprofessuren an Universitäten in England, Amerika, Deutschland und der Schweiz 1992 Der Fuchs war damals schon der Jäger (Roman) 1994 Herztier (Roman) 2003 Der König verneigt sich und tötet (Essays) 2005 Die blassen Herren mit den Mokkatassen (dichterische Collagen) 2009 Atemschaukel (Roman) 2009 Auszeichnung mit dem Nobelpreis für Literatur In einer faszinierenden, an ungewöhnlichen Metaphern und Neologismen reichen Sprache kreist die Dichterin monoman um ein Thema: Unterdrückung und Angst in der Diktatur von Nicolae Ccausescu, die sie in ihrer Jugend am eigenen Leib erfahren musste. Herta Müller zeigt, wie Unmenschlichkeit und Terror des totalitären Regimes den ganzen Alltag durchdrungen haben, wie das Zusammenleben durch Furcht und Feigheit zerstört und wie die Menschen psychisch deformiert wurden. Ihre Werke behandeln somit die jüngste Geschichte Rumäniens und halten Schmerz und Leid lebendig. Der Ich-Erzähler des Erfolgsromans Atemschaukel (2009) blickt nach sechzig Jahren auf seine Erlebnisse im russischen Arbeitslager zurück, in das er als „Volksdeutscher" nach dem Zweiten Weltkrieg verschleppt wurde. Bei der Literatur nach der Wiedervereinigung / 245 Schilderung der Härten und Entbehrungen des Lagerlebens griff Herta Müller auf die Erinnerungen des rumäniendeutschen Dichters Oskar Pastior zurück, mit dem sie den Roman eigentlich gemeinsam schreiben wollte. Müller fängt ungeschönt den Alltag im Lager ein, zeigt die Schinderei und das Leiden der Individuen und hier auch gerade der Frauen. Fünf Jahre lang erduldet Leo Hunger, Demütigungen und Quälereien, bevor er wieder in sein altes Leben zurückkehren darf. Doch er ist nicht mehr derselbe, fühlt sich in seiner Familie durch einen jüngeren Bruder verdrängt und bleibt innerlich gezeichnet von dem erfahrenen Leid. Im folgenden Auszug aus dem ersten Kapitel beschreibt der Erzähler den menschenunwürdigen Transport der Häftlinge von Rumänien nach Russland: [...] Die Waggontür war von außen plombiert. Viermal wurde sie geöffnet, eine Schiebetür auf Rollen. Wir waren noch auf rumänischem Gebiet, und es wurde zweimal eine halbe, der Länge nach durchgesägte, nackte Ziege in den Waggon geschmissen. Sie war starrgefroren und polterte auf den Boden. Die erste Ziege 5 hielten wir für Brennholz. Wir brachen ihre Stücke auseinander und verfeuerten sie. Sie war so dürr, dass sie gar nicht stank, sie brannte gut. Bei der zweiten Ziege machte das Wort Pastrama die Runde, Iuftgetrocknetes Fleisch zum Essen. Wir haben auch unsere zweite Ziege verheizt und gelacht. Sie war genau so starr und blau wie die erste, ein Schreckensgeknöch. Wir lachten zu früh, io waren so überheblich, die beiden rumänischen, mildtätigen Ziegen zu verschmähen. Die Vertrautheit wuchs mit der Länge der Zeit. In der Enge geschahen die kleinen Dinge, sich hinsetzen, aufstehen. Im Koffer wühlen, ausräumen, einräumen. Aufs Kloloch gehen hinter zwei hochgehaltene Decken. Jede Kleinigkeit 15 zog eine andere nach sich. In einem Viehwaggon schrumpft jede Eigenart. Man ist mehr zwischen anderen vorhanden als bei sich selbst. Rücksichtnahme war gar nicht nötig. Man war füreinander da wie zu Hause. Vielleicht rede ich nur von mir, wenn ich das heute sage. Vielleicht nicht einmal von mir. Vielleicht zähmte mich die Enge im Viehwaggon, weil ich sowieso weg wollte und im 2o Koffer noch genug zum Essen hatte. Wie sich der wilde Hunger bald über uns alle hermacht, ahnten wir nicht. Wie oft haben wir in den kommenden fünf Jahren, als uns der Hungerengel heimsuchte, diesen starren blauen Ziegen geglichen. Und ihnen nachgetrauert. Es war schon die russische Nacht, Rumänien lag hinter uns. Wir hatten bei 2S einem stundenlangen Halt das starke Ruckeln gespürt. An den Waggonachsen wurden die Räder auf die breitere russische Schienenspur umgestellt, auf die Steppenbreite. So viel Schnee machte die Nacht draußen hell. In dieser Nacht auf dem leeren Feld war der dritte Halt. Die russischen Wachsoldaten schrien Ubornaja. Alle Türen aller Waggons wurden geöffnet. Wir purzelten hinterein-3o ander ins tiefer gelegene Schneeland und sanken bis zu den Kniekehlen ein. Wir 246 4 Literatur nach der Wiedervereinigung Literatur nach der Wiederverein begriffen, ohne zu verstehen, Ubornaja heißt gemeinschaftlicher Klogang. Oben, sehr hoch oben, der runde Mond. Vor unseren Gesichtern flog der Atem glitzrigweiß wie der Schnee unter den Füßen. Ringsherum die Maschinenpistolen im Anschlag. Und jetzt: Hosen runter. x Diese Peinlichkeit, das Schamgefühl der ganzen Welt Wie gut, dass dieses Schneeland mit uns so allein war, dass niemand ihm zusah, wie es uns nötigte, dicht nebeneinander das Gleiche zu tun. Ich musste nicht aufs Klo, ließ aber die Hose herunter und setzte mich in die Hocke. Wie gemein und still dieses Nachtland war, wie es uns in der Notdurft blamierte. [...] Aus: Herta Müller: Atemschaukel. © 2009, Carl Hanser Verlag München, S. 19 f. 14.3.5 Literarisches Lehrstück über humane Integration: Jenny Erpenbecks Roman „Gehen, ging, gegangen" Kurzbiografie: Jenny Erpenbeck 1967 geboren in Ostberlin als Tochter eines Physikers und einer Übersetzerin 1985 Abitur; Lehre als Buchbinderin; Arbeit als Requisiteurin und Garderobiere ab 1988 Studium der Theaterwissenschaften, Studium der Musiktheater-Regje in Berlin ab 1994 Regieassistentin am Opernhaus Graz ab 1998 als frei schaffende Regisseurin Inszenierungen an verschiedenen Häusern 1999 Geschichte vom alten Kind (Roman) 2008 Heimsuchung (Roman) 2012 Aller Tage Abend (Roman) 2015 Gehen, ging, gegangen (Roman) In ihrem Roman greift Jenny Erpenbeck ein hochaktuelles Thema auf, das die politischen und gesellschaftlichen Debatten in Deutschland seit 2013 nachhaltig dominiert: die Flüthtlingskrise und die damit einhergehenden Fragen nach menschlichem Leid, menschenwürdigem Leben und gelingender Integration. Die Flüchtlingsthematik ist verwoben mit der Geschichte des aus Ostdeutschland stammenden Witwers Richard, der vor Kurzem als Professor für Altphilologie in den Ruhestand getreten ist und nun alleine in seinem Haus an einem See außerhalb Berlins lebt. Er erfährt aus den Medien von der schwierigen Situation der in Berlin untergebrachten Flüchtlinge aus Afrika und beschließt kurzerhand, mittels eines Fragebbgens mehr über diese Men- schen in Erfahrung zu bringen. Nachdem er einige Flüchtlinge kennengelernt hat, wächst das Engagement Richards: Er hilft ihnen bei Gängen durch die kaf-kaeske deutsche Behördenlandschaft, er erteilt ihnen Sprach- und Klavierunterricht und lädt sie zum Essen und zu Festen ein. Das von Gewalt, Verlust und Schrecken bestimmte Schicksal der Geflohenen zwingt Richard dazu, über seine eigene Vergangenheit nachzudenken und sein bisher starres Weltbild zu hinterfragen. Sein freundschaftliches Verhältnis zu den Flüchtlingen ist deshalb geprägt von gegenseitigem Lernen. Der Titel „Gehen, ging, gegangen", die unregelmäßige Konjugation des Verbs „gehen" also, fungiert als Leitmotiv und symbolisiert einerseits das sprachliche Bemühen um Integration, andererseits die Suchbewegungen der Figuren nach ihrer Identität. Der folgende Auszug aus dem zweiten Kapitel beschreibt den Protest einiger Flüchtlinge aus Afrika vor dem Rathaus in Berlin: An einem Donnerstag Ende August versammeln sich zehn Männer vor dem roten Rathaus in Berlin. Sie haben beschlossen, heißt es, nichts mehr zu essen. Drei Tage später beschließen sie, nun auch nichts mehr zu trinken. Ihre Hautfarbe ist schwarz. Sie sprechen Englisch, Französisch, Italienisch. Und noch an-s dere Sprachen, die hierzulande niemand versteht. Was wollen die Männer? Arbeit wollen sie. Und von der Arbeit leben. In Deutschland bleiben wollen sie. Wer seid ihr, werden sie von der Polizei und von Beamten des Senats, die hinzugeholt werden, gefragt. Wir sagen es nicht, sagen die Männer. Das müsst ihr aber sagen, sagen die anderen, sonst wissen wir nicht, ob ihr unter das Gesetz in fallt und hier bleiben und arbeiten dürft. Wir sagen nicht, wer wir sind, sagen die Männer. Würdet ihr denn, wenn ihr an unserer Stelle wärt, einen Gast aufnehmen, den iht nicht kennt, sagen die anderen. Die Männer schweigen. Wir müssen prüfen, ob ihr wirklich in Not seid, sagen die anderen. Die Männer schweigen. Vielleicht, sagen die anderen, seid ihr Verbrecher, das müssen wir is prüfen. Die Männer schweigen. Oder einfach Schmarotzer. Die Männer schweigen. Wir haben selbst nicht genug, sagen die anderen. Es gibt Regeln hier, sagen sie, an die müsst ihr euch halten, wenn ihr bleiben wollt. Und zuletzt sagen sie: Erpressen könnt ihr uns nicht. Die Männer mit schwarzer Hautfarbe aber sagen nicht, wer sie sind. Sie essen nicht, sie trinken nicht, sie sagen nicht, wer sie >o sind. Sie sind einfach da. Das Schweigen der Männer, die lieber sterben wollen als sagen, wer sie sind, vereint sich mit dem Warten der anderen auf Beantwortung all der Fragen zu einer großen Stille mitten auf dem Alexanderplatz in Berlin. Diese Stille hat nichts damit zu tun, dass es am Alexanderplatz durch die Geräusche des Straßenverkehrs und durch die Grabungsarbeiten bei der neuen 5 U-Bahnstation immer sehr laut ist. D 2075, Albrecht Knaus Verlag München, S. 15. Aus: Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen. 248 4 Literatur nach der Wiedervereinigung / 249 / LITERATUR NACH DER WIEDERVEREINIGUNG ingo Scnulze (geb. 1962} 33 Augenblick des Glücfa (1995), Simple Storys (1998), Neue Leber (2005) Thomas Brysssg (geb. 1965) Helden wie wir (1995), Am kürzeren Ende der Sonnenallee (1999), Leben bis Männer (2001) Benjamin von Stuckrad-Sarre (geb. 1975) Solcolbum (1998), Llwolbum (1999), Rem« (1999), Blackbox (2000), Transkript (2001), Was.Wir.Wissen. (2005) Birgit Vanderbeke (geb. 1956) Das Muschelessen (1990), Ich wilJ meinen Mard (1995), Alberto empfängt einen Liebhaber (1997), Geld oder Leben (2003), Sweet sixteen (2005) Daniel Kehämann (geb. 1975) ich und Kaminski (2003), Die Vermessung der WeJt (2005), Ruhm (2009), F (2013) Sven Regener (geb. 1961) Herr Lehmann (2001), Neue Vahr Süd (2004). Der kleine Bruder (2008) Martin Walser (geb. 1927) Ein liebender Mann (2008), Mein Jenseits (2010), Muttersofin (2010), Das dreizehnte Kapitel (2012) Juli Zeh (geb. 1974) Adler und Engel (2001), Spie/trieb (2004), Corpus Delicti. Ein Prozess (2009), Nullzeit (2012), Unterfeuten (2016) Jakob Arjouni (1964-2013) Magic Hoffmann (1996), Kismet (2001), Cbez Max (2006), Der heilige Eddy (2009), Cherryman jagt Mister White (2011) Bernhard Schlink (geb. 1944) Selbsjustiz (1987), Die gordische Schleife (1988), " Selbs Betrug (1992), Der Vorleser (1995), Liebesfluchten (2000), Se/bs Mord (2001), Sommerfiigen (2010), Die Frau auf der Treppe (2014) josef Haslinger (geb. 1955) Opernball (1995), Das Vnterspiel (2000) Patrick Roth (geb. 1953) Riverside (1991), Corpus Christi (1996), DieNacht der Schlaflosen (2001), Storlite Terrace (2004) Wladimir Kaminer (geb. 1967) Russendisko (2000), Schönhauser Aliee (2001), Ich mache mir Sorgen, Mamo (2004), Karaoke (2005), Salve Papal (2008) Uwe Timm (geb. 1940) Heißer Sommer (1974), Die Entdeckung der Currywurst (1993), Rot (2001), Am Beispiel meines Bruders (2003), Freitisch (2011), Vogelweide (2013) «üoe Jenny (geb. 1974) Das Blütenstaubzimmer (1997), Ruf des Muschelhorns (2000), Ein schnelles Leben (2003), Dos Portrait (2007), Spätestens morgen (2013) Herta Müiier (geb. 1953) Der Fachs war damals schon der Jäger (1992), Herztier (1994), Aremschauferf (2009), Vater telefoniert mit den Fliegen (2012) Martin Suter (geb. 1948) Small World (1997), Ein perfekter freund (2002), Lifo Lila (2004), Der Teufel von Mailand (2006), Der letzte WeynfeWt (2008), Montecristo (2015) Marcel Beyer (geb. 1965) Das Menschenfleisch (1990), Flughunde (1995), Vergefit mich (2006), Kaltenburg (2008), Graphit (2014) SibyMe Lew:'tscharofT(geb. 1954) Pong (1998), Der höfliche Harald (1999), Consummatus (2006), Apostoloff (2009), Blumenberg (2011) Jenny Erpenbeck (geb. 1967) Geschichte mm alten Kind (1999], Aller Tage Abend (2012), Gehen, ging, gegangen (2015) Bildnachweis Umschlag: von links nach rechts, von oben nach unten: Unterschrift Goethes; Friedrich Schiller (wikimedia.org); Franz Kafka (© picture-alliance/akg-images); Kafka-Zeichnung (wikimedia.org); Buddenbrookhaus in Lübeck; Herta Müller (© picture-alliance/dpa); Heinrich Heine (wikimedia.org) S. 2: Deutsche Verlags-Anstalt GmbH Stuttgart S. 4, 9: Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel (A 15472, A 24772, A 8895) S. 5: Erzbischöfliches Archiv Freiburg S. 8, 10: Erich Trunz S. 13, 69, 71,135,144 (Rudolf Schlichter: Bert Brecht, 1926; © VG Bild-Kunst, Bonn 2007), 158, 162, 174 (Foto: Fritz Eschen), 176, 185 (R. Clausen), 199 (Hesse), 200, 212, 214: Ullstein Bild S. 17, 36, 37,46, 55, 93,153, 154: Deutsche Schillergesellschaft, Schiller-Nationalmuseum Marbach S. 21: Gerhart Söhn, Frauen der Aufklärung und Romantik. Von der Karschin bis zur Droste. Düsseldorf: Grupello Verlag 1998 S. 22, 25, 27, 29: Lessing-Museum Kamenz S. 23, 26: Gleimhaus, Halberstadt S. 24, 77, 79: Freies Deutsches Hochstift/Frankfiirter Goethe-Museum, Frankfurt a. M. (Fotos: Ursula Edelmann, Frankfurt) S. 28: Jörg Landsberg, Bremen S. 31, 145, 166: Deutsches Theatermuseum München, Photosammlung S. 42,43, 58, 59, 91 u.: Stiftung Weimarer Klassik/Goethe-Nationalmuseum S. 44: Goethe-Museum Düsseldorf S. 51, 126: www.visipix.com S. 60: Winfried E. Rabanus, München S. 64: Matthias Horn, Hamburg S. 67: 1997 Harenberg Kommunikation Verlags- und Medien GmbH Sc Co. KG, Dortmund: Schauspielführer, S. 343-2 S. 70, 95, 97, 98, 116,130,148,149,178, 182 (Foto: Felcitas Timpe), 188 (Foto: Georg Eben): bpk S. 82: Staatliche Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz Kupferstichkabinett S. 83: Deutsches Eichendorff-Museum und -Archiv Wangen S. 91 o.: Verlag Eduard Roether, Darmstadt S. 93 u.: Droste Museum Meersburg