Klause Manna: Kind dieser Zeit Kindliche Landschaft 19 Wir waren vier Kinder in Tölz: Erika, ich, Golo und Monika; Erika ein Jahr älter, Golo zwei Jahre jünger als ich (Elisabeth und Michl gab es noch nicht). Erika und ich übten die grausamste Herrschaft, die Monika sich gefallen ließ, weil sie noch so klein und dumm und niedlich war, Golo hingegen aus zerknirschter Überzeugtheit und maso-chistischem Hang zur Demütigung. Wir waren alle vorwiegend nett, dann erst sonderbar. Golo aber repräsentierte unter uns das groteske Element. Von skurriler Ernsthaftigkeit, konnte er sowohl tückisch als unterwürfig sein. Er war diensteifrig und heimlich aggressiv; dabei würdevoll wie ein Gnomenkönig. Ich vertrug mich ausgezeichnet mit ihm, während er sich mit Erika viel zankte. Halb aus dämonischer Servilität und halb, weil ihn Neugierde und Ehrfurcht bannten, ging er stundenlang mit mir im Garten spazieren, wo ich ihm Geschichten erzählte. Ich konnte erfinden wie die listige Dame der Tausendundeinen Nacht, so endlos und so phantastisch. Was gäbe ich darum, wenn eines von diesen großen Gartenmärchen aufbewahrt geblieben wäre! Vielleicht würde es viel schöner sein als irgend etwas, was ich mir seitdem habe einfallen lassen. - Um erzählen zu können, brauchte ich zwei harte und genau gleichmäßig lange Gräser als Spielzeug, das ich «Handding» nannte. Es konnte 20 losgehen, sobald das Handding gepflückt und zubereitet war. Ich fabulierte von Königen, Hexen und orientalischen Großkaufleuten, wobei ich etwas mit der Zunge anstieß. Golo trippelte nebenher, das finster-schlaue Mäusegesicht vom glatten Pagenhaar witzig gerahmt, verzaubert von den Verwicklungen meiner Mären, die er vielleicht hinter der eigenen wunderlichen Stirne weiterspann und überraschend deutete. Erika war die rüstigste von uns. Sie konnte wie zwei Buben turnen und raufen, und sah aus wie ein magerer, dunkel hübscher Zigeunerjunge, dessen braune Stirn sich manchmal trotzig verfinstert. Als einzige von uns beherrschte sie die bayerische Mundart, die ich niemals erlernt habe. Wenn eines von den Kindern des Zwickerbauern, mit denen wir manchmal spielten, sie fragte: «Ärika, magst an Äpfi?» konnte sie in ganz ähnlichem Tonfall antworten, was mir doch einfach unmöglich gewesen wäre. 36 Die Beziehung des Kindes zur Umwelt ist unverbindlich, locker und phantastisch. Sie ist mehr durch seine Träume, durch das, was es liest oder was man ihm erzählt, bestimmt, als durch vitale Gefühlstatsachen. Die wichtigste Bindung fehlt, die erotische. (Sie fehlt nicht, aber sie bleibt latent.) Bis zu meinem zwölften Jahr habe ich kein sexuelles Interesse an irgendeiner bestimmten Person genommen; oder vielmehr: dieses Interesse blieb völlig den geheimen Schichten des Unterbewußtseins verhaftet, es bildete sich aus ihm kein Gefühlsaffekt, keine sentimentale oder grausame Neigung. Die erste Wollust, die ich erfuhr - übrigens eine reine Gemütswollust, ohne jede physische Reaktion -, kam mir aus gewissen Träumen vorm Einschlafen, bei denen ich mir vorstellte, daß ein Junge etwa meines Alters von Räubern oder von einem schrecklichen Lehrer gefesselt und vor meinen Augen mißhandelt werde, bis ich mich aus dem Hinterhalt rettend nahte, den Gemarterten zu befreien. Die schluchzende Dankbarkeit, mit der der Blutende mir in die Arme sank, machte, daß mein Herz in süßen und gerührten Schauern sich krampfte. Übrigens bezogen solcherlei Wunschträume sich niemals auf bestimmte 37 Objekte, vielmehr blieb das Antlitz des zarten Märtyrers verwischt, nur sein gepeinigter Körper lebte. Noch die Beziehung zu den Eltern - doch eigentlich die natürlichste, ursprünglichste, stärkste - ist merkwürdig durchsetzt von rein Gewohnheitsmäßigem und Eingelern-li'in; ist ohne Bewußtsein und deshalb ohne Elan. Manchmal, abends, beim Gutenachtsagen, erwacht eine echte, wilde und süße Zärtlichkeit für die Mutter; tagsüber und Im gewöhnlich ist es gut und selbstverständlich, daß es sie gibt, aber wie unheimlich kühl, fremd, ja gehässig steht man oft ihren Kümmernissen und ihrem pädagogischen /.Urnen gegenüber. Krst viel später merkt man, mit wie sanfter und geheimnisvoller Macht sie hinter und über dieser ganzen kindlichen Landschaft herrschend steht. Trotz der nervösen Scheindiktatur des Kinderfräuleins, trotz der spielerisch angebeteten Use-Hunde und -Puppen: sie regierte. Immer, wenn ich mir den Garten von Tölz vorstelle, sehe ich ihr lumtgesticktes Kleid zwischen den Bäumen auftauchen. Sie hatte, schien uns, unendlich viele buntgestickte Kleider; wir nannten sie die bulgarischen oder rumänischen.) Ich sehe sie, wie sie uns das Butterbrot und den Apfel um zehn Uhr vormittags als zweites Frühstück auf den Spielplatz brachte. (Das Butterbrot vormittags im Garten, wenn man Hunger hatte, schmeckte vollkommen anders als das morgens beim ersten Frühstück; es schien wirklich ein an-iIrres Brot.) Wir gingen Beerensuchen mit ihr, Brombee-i in, Himbeeren, Erdbeeren im Wald; sie und Erika hatten immer zuerst das Töpfchen voll, während ich auf einem I uumstumpf saß und Geschichten schwatzte. Überall finde ich sie, wo ich hinsehe. Sie las uns vor, ihre Stimme höre ich immer ein wenig mit, wenn ich an die großen Geschichten der deutschen Romantik denke, ans «schöne Annerl und 38 das brave Kasperl»; an die unergründlich schöne Geschichte vom «Blonden Eckbert» (heute fühle ich noch das Grausen, das uns über den Rücken lief, wenn der unheimliche Geselle plötzlich den vergessenen Namen jenes Hündchens wußte und so bedeutungsvoll nebenbei bemerkte: «Ich kann es mir recht vorstellen, wie Ihr das Hündchen Stromi füttert ...»). Oder an den «Goldenen Topf» oder den «Taugenichts». Unser Vater war zurückhaltender und kam mit unserem Alltag weniger in Berührung. Dafür hatte er eine noch stärkere suggestive Kraft, wenn er das Wort an uns richtete oder eine Unternehmung (etwa einen Theaterbesuch) persönlich leitete. Seine Aussprüche wurden uns schneller zu klassischen Zitaten, einfach, weil sie seltener waren. So reichte er einmal Erika - nur Erika - bei Tisch eine Dattel, wobei er diese gräßliche Willkürlichkeit uns gegenüber erklärte: «Es ist nur gut, wenn ihr euch rechtzeitig an Ungerechtigkeit gewöhnt -» eine Bemerkung, die wir verblüffend frivol und zugleich beherzigenswert fanden. Während Mielein das meiste konnte, verstand er sich nur auf einiges, darauf aber dann gleich derartig gut, daß eine Legende draus wurde. Zum Beispiel wußte er mit kleiner Gabel auf einer Untertasse Eidotter so perfekt zu schlagen, daß es ganz steif wurde, und verfügte über eine Fähigkeit, uns auf der Wiese mit dem Gartenschlauch anzuspritzen, die ihn ganz einfach zu einem Meister in dieser Branche machte: zwei Fertigkeiten, zu denen man, wie er sagte, vor allem der lockeren und leichten Hand bedürfe. Auch besaß er die Gabe, uns die großen Tölzer Spaziergänge, die wir eigentlich gar kein bißchen mochten, reizvoll und neu zu machen, indem er sie märchenhaft umstilisierte. Er sprach vom Siebenmeilenwald und allerlei zauberischen Wiesen, wenn wir den altgewohnten Gang, am Zwickerbauern und 39 der Villa des Handschuhmachers Röckel vorbei, absolvieren mußten. - Im übrigen blieb er meist in seinem Arbeitszimmer, das wir kaum betreten durften. Wir wurden angehalten leise zu sein, und vergaßen wir es, mahnte uns das trockene Räuspern, das wir hinter der geschlossenen Türe hörten. In sämtlichen Alltagsfragen war Mielein zuständig; so war Mielein gewissermaßen mächtiger als er. Andererseits empfanden wir ihm gegenüber eine viel tiefere Schüchternheit. Gegen Mieleins Entschlüsse oder Befehle gab es immerhin die innere Möglichkeit einer Auflehnung, einer Rebellion. Er war aber die letzte Instanz. Irgendwo ist kein Einspruch mehr möglich. Krieg 65 Im Summer des Jahres 1914 hatten unsere Anverwandten Löhr in Bad Tölz das Haus neben dem unseren gemietet. So machten wir, im Verein mit den drei Cousinen Eva-Marie, Ilse-Marie und Rose-Marie, aus diesem Sommer den Sommer der großen Spiele. Jede Woche – oder jeden dritten Tag beherrschte ein anderes Spiel unser Leben; es wurde unser Sommer der großen «Moden»; einmal war das Scharaden-Stellen an der Reihe, einmal das Schüttelreim-Dichten; ein paar Tage lang taten wir nichts anderes, als Gewinde aus den roten Vogelbeeren zu flechten, die nächsten vertrieben wir uns damit, die Buchstabenfolge aller Worte umzudrehen und auf diese Weise die geheimnisvollsten Quatschgedichte herzustellen. Cousine Eva-Marie imponierte uns, wenngleich uns ihr jungmädchenhaftes Wesen legentlich verdroß. Sobald es Streitigkeiten gab, pflegte lein zu sagen: «Dann weiß ich, was ich tu. Ich gehe zu einem Gericht, und das Gericht heißt Mama—» Wir hielten streng auf Gerechtigkeit. Was begab sich in-wischen anderswo? Unheimlich zu denken, daß im Som-iik'i 1914 in Europa menschliche Wesen existierten, die ihre A'ii damit verbrachten, Kränze aus roten Beeren zu winden. (Ich war aber noch nicht acht Jahre alt.) Auch Theaterspielen fanden wir lustig. Wir spielten uns ilu1 Märchen, die wir gelesen hatten, vor, manchmal auf nur von Bäumen romantisch eingefaßten Wiese des Löhrschen Gartens, manchmal auf dem Kastanienplatz neben unserem Plansch-Bassin. Die gerade nicht beschäftigten 66 Künstler saßen im Grase und schauten zu. Diese Mode hielt uns am längsten in Atem. Unser Ehrgeiz ging dahin, auch den Erwachsenen einmal etwas vorzuführen. Unterrichtete Eva-Marie hatte den mythologischen Stoff von der Büchse der Pandora in Vorschlag gebracht. Wir verschafften uns einiges an Kostümen und memorierten ein wenig Text. An einem genau festgelegten Augusttage sollte die Festvorstellung sein. Wir waren nicht schlecht aufgeregt, probten und schneiderten nur so an unseren Kostümen herum. Da hieß es plötzlich, ein Krieg sei ausgebrochen. Wir saßen auf der Löhrschen Gartenwiese im Kreise, die drei Cousinen und wir vier, und besprachen erstaunt die unglaubwürdige Nachricht, die von den Erwachsenen kam. Weitblickende Eva-Marie sagte: «Ich denke mir, Berlin wird an seinen vier Ecken von den Franzosen angezündet werden. Natürlich sind wir von allen Seiten die Überfalle-nen -» Ob aber, abgesehen von dem brennenden Berlin, das uns ja schließlich nicht so viel anging, dieser Krieg die Konsequenz haben würde, daß unser Pandora-Spiel nicht stattfinden könnte? Dann wäre ja der Beweis erbracht, daß es sich um eine schlimme Unannehmlichkeit handelte, die auch uns schädigte, obwohl wir doch nichts für sie konnten. - Wir beschlossen, sofort den Entscheid der Eltern in dieser denn doch akut wichtigen Pandora-Sache einzuholen und gingen alle in den Mannschen Garten hinüber. Die Eltern standen auf der Terrasse und falteten die Plaids zusammen, die sie zur Nachmittags-Liegekur benutzten. Mein Vater schaute zum Gebirge hinüber, hinter dem Gewölk stand. Er sagte: «Jetzt könnte auch bald ein blutiges Schwert am Himmel erscheinen —» Wegen der Pandora-Sache wagten wir ihn nicht mehr zu fragen. 67 Wir durften nicht in den Ort gehen, aber wir hörten, daß die Badegäste in Scharen zum Bahnhof flohen. Alle Züge waren total überfüllt. England hatte auch den Krieg erklärt. Gott sei Dank ging die Türkei mit uns. Österreich war sowieso unser Bundesgenosse. Mielein telephonierte mit Frau Holzmeier, damit man für die nächsten Tage Butter und Eier im Hause hätte. Ich erinnere mich, daß ich fragte, ob man sich nicht auch mit Wäsche und Schränken eindek-ken könnte; auch Wäsche und Schränke könnten doch knapp werden. Die Eltern fuhren nach München, um sich von Onkel Heinz und Onkel Vicko zu verabschieden, die sofort eingezogen wurden. Besonders schlimm war, daß der Onkel Peter sich gerade in Australien auf einem Physikerkongreß befand. Erstens schien Australien sehr weit weg zu sein, außerdem hatten allem Anschein nach die Feinde Einfluß dort. Onkel Peter würde festgehalten werden. Man bestätigte uns, daß wir von allen Seiten überfallen waren. Frankreich wollte irgendwas zurückhaben, was wir ihm ernst aus guten Gründen weggenommen hatten. Das infame England fürchtete sich vor unseren tüchtigen Kaufleuten. Die Franzosen waren so grausam, daß sie einer Dame, die in einem ihrer betrügerischen Badeorte ihr gutes Geld gelassen hatte, die Zähne mit dem Hammer ausschlugen. (Ich spürte immer diesen grauenhaften Hammer gegen meine Zähne fallen.) Zum Glück blieb Italien neutral. Die Schweiz blieb auch neutral, Amerika auch. Unser Kaiser hatte es nicht gewollt. Plötzlich gab es keinen Nachtisch mehr. Löhrs waren abgereist, wir blieben noch in Tölz bis zum Ende des Sommers. In München hatte man die Englische Apotheke demoliert, weil sie beinah sicher vom falschen Albion gedungen war. In Tölz wurden einige Spione entlarvt und fast tot geprügelt. Weihnachten würde der Krieg zu Ende sein. Unsere Generäle hießen Mackensen 68 und Hindenburg. Wir beteten abends für Onkel Heinz, Onkel Vicko, Onkel Peter-Australien und für die ganze Armee. «Lieber Gott, laß uns siegen------» Mir sind diese Tage nicht begeistert in Erinnerung, sondern wie von einem dumpfen Sturm bewegt, mit einem niedrig hängenden, finsteren Himmel. Die Nachrichten von den ersten Siegen nahmen wir mit respektvoller Genugtuung hin, aber hätten sie uns wirklich freuen können? Unser schlimmster Feind schien Belgien zu sein, denn in Belgien errangen wir die schönsten Triumphe. Lüttich hatte doch überhaupt für uneinnehmbar gegolten. Bald würden wir Paris haben. Das Essen war immer noch ziemlich gut. Im Herbst zogen wir wieder nach München. Weil die Zeiten hart waren, kamen wir nun in die Bogenhausener Volksschule, wo es uns eigentlich viel besser gefiel als im feinen, zarten und strengen Ebermayer-Institut. Lehrer Ebner war derb, aber er kannte nicht die kränkenden Tricks der Damen, die uns erst unterrichtet hatten. Natürlich hätte mir bei Fräulein Ebermayer nicht passieren können, was Lehrer Ebner vor der ganzen Klasse mir antat: daß er nämlich von dem Strauße Margueriten, den ich ihm sorglich auf den Wiesen gepflückt hatte, grob behauptete, er sei Kuhfutter und ihn in den Papierkorb steckte. Aber dafür hatte ich in der Volksschule viel lustigere Buben-Freunde als im Herrschaftsinstitut. Am meisten war ich mit dem Sohn des Tenors Jörn zusammen, der ein "wundervolles Marionettentheater besaß. Erika war beinah immer mit uns Buben. In den großen Raufereien, bei denen etwa Odemer, Stury und noch zwei ganz Schlechte gegen den Jörn und mich gingen (so wie der Feindbund gegen das wehrlose Deutschland), konnte Erikas amazonenhaftes Eingreifen wohl den Ausschlag geben. Einmal sperrten wir den Odemer stunden- 69 lang in ein besonders stinkiges Klosetthäuschen ein, so daß er fast ohnmächtig wurde. Lehrer Ebner verabfolgte mir .uzen. Lehrer Ebners Tatzen waren ganz grausam gepfeffert. Was merkten wir inzwischen vom Krieg? Man ging nachmittags zur nächsten Ecke, um den Tagesbericht zu lesen. 2000 Gefangene an der Ostfront gemacht, triumphales Vorrücken im Westen: immer gab es nur Siege. Die großen Siege waren so ähnlich wie die hohen Feiertage. Als Hindenburg die kolossale Sache in den Masurischen Sümpfen gemacht hatte, fühlten die Kinder sich hochgestimmt wie am Heiligen Abend. Wir hatten eine schwarz -weiß-rote Flagge, die immer über dem obersten Balkon gehißt wurde, wenn es wieder mal Sieg gab. Wir beteten abends immer noch für die Onkel Peter, Heinz und Vicko, aber in Wahrheit interessierten uns mehr die Schulaufgaben und die Rauferei mit dem wüsten Odemer. Wohl wußten wir, daß täglich viele brave Männer «fielen» und deshalb die Eltern beinah immer so ernste Gesichter machten: aber vermochten wir uns den ungeheuerlichen Vorgang dieses «Fallens» irgend zu realisieren? Nur als ein ganz fernes und feierlichees Bewußtsein wurde diese Tatsache des täglichen Massentodes in uns lebendig. Wenn wir aufrichtig waren, fingen die Leibschmerzen, die Hund Bauschan hatte, uns mehr an. Die braven Soldaten traten nur in unseren pflichtgemäßen Abendgebeten an. Erika strickte mit den Mädchen zusammen Pulswärmer und dicke Socken für die »draußen». Manchmal fragten wir, ob der Krieg nun nicht bald zu Ende sei; wieso der Feindbund sich noch immer halten könne. Auf Italien waren wir besonders wütend, weil es doch einen Vertrag gebrochen hatte. Das war einfach gemein; es war, wie wenn der Jörn plötzlich mit dem Odemer ging. Gymnasiast 87 (1919-1920) Das Tagebuch, das ich vom Herbst 1918 bis zum 1. Januar geführt habe, beginnt mit dem Wort: Revolution! »Revolution! Revolution! Militärautos durchsausen die Stadt, Fensterscheiben werden eingeschmissen. Kurt Eisner ist Präsident; – – Zu lächerlich. Und trotzdem schmeichelt es einem zu denken, in hundert Jahren rede man von der bayerischen wie von der französischen Revolution. Die Sache mit dem Zauberer Uferino ist ins Wasser gefallen. Sonst war der Geburtstag sehr nett. Ich habe jetzt einen Kleist und einen Grillparzer und Körner und Chamisso.» Dieses übergangslose Nebeneinander des Zauberers Uferino mit der Novemberrevolution hat für mich etwas Erschreckendes. Dabei könnte bemerkt werden, daß nicht nur Kinder so die Weltgeschichte erleben. Die kleinen privaten Interessen des Alltags nötigen eine direktere, vitalere Anteilnahme ab als die größten und abenteuerlichen Katastrophen im Leben der Allgemeinheit. Zwar notiere ich am 11. November (noch nicht ganz zwölfjährig) pflichtschul-dig: »Der Waffenstillstand angenommen! Endlich Friede! Aber was dann? Wir gehen einer großen Katastrophe entgegen!» – Fahre aber nach einer respektvoll freigelassenen Zeile fort: «Die Schule hat wieder begonnen. Unser kleiner Rechenlehrer hat sich furchtbar aufgeregt über unsere Unruhe. Gestern hat uns Mielein eine sehr komische Geschichte von Gogol vorgelesen. Leider war Schwesterchen 88 sehr unruhig. Ich habe jetzt Körners gelesen. Sie ist recht schwach.» Unsere Unruhe beim Rechenprofessor oder Schwesterchens störende Geräusche während der Vorlesung gingen mich aufrichtiger an als der fürchterliche Lärm, den das Deutsche Reich vollführte, da es in seinen Fugen schwankte und krachte. Dieser groteske und doch so natürliche Gegensatz zwischen den kleinen und feierlich ernst genommenen Ereignissen des eigenen Lebens, das sich in so engen Grenzen abspielte, und den erschreckenden Ausmaßen der politischen Veränderungen, die doch vor unseren Augen geschahen, macht mir die Lektüre meiner kindlichen Niederschriften erst unheimlich und erst lohnend. Die Jahre 1918, I9i9und 1920, die in unserem historischen Gedächtnis alle Farben einer Feuersbrunst bewahren, scheinen in meinem privaten voll von idyllischen Reminiszenzen. Freilich, wäre ich fünf oder nur drei Jahre älter gewesen, ich hätte vielleicht glühenden Anteil zu nehmen vermocht an dem, was sich entscheidend zutrug. Aber auch diese Anteilnahme hätte mein Leben wahrscheinlich nicht ganz ausgefüllt oder beherrscht. Die kleinen Dinge wären geblieben. Während wir auf der Wiese hinter unserem Haus Deutschball spielten, hörten wir den gar nicht so sehr entfernten Kanonendonner - «weil die weiße und die rote Garde kämpft». Mitten im Bürgerkrieg lese ich Storm und Walter Scott, ohne das Absurde dieser Situation irgendwie zu empfinden. Am 2. Mai 1919 schreibe ich auf: «Vormittags schauen wir uns das Maschinengewehr an, das auf dem Kufsteiner Platz steht.-----Es gibt kein Brot. Wir haben so eine Art Fladen gebacken.» Am 5. Mai: «Vormittags war ich in der Stadt, wo alles von Soldaten strotzt und kaufte mir den von Gogol.» Und am 8., als nach den Bürger- 89 kriegstagen das Gymnasium wieder beginnt: «In unserer Schule war das Regiment einquartiert, das Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht getötet hat. - In unserem Schulhof sind zwei Spartakisten erschossen worden. Der eine, ein siebzehnjähriger Junge, ließ sich nicht einmal die Augen verbinden, Poschenrieder sagte, das wäre fanatisch. Ich finde es heldenhaft. Wir hatten schon um zwölf Uhr aus.» -Vergeblich versuche ich zu ergründen, bis zu welchem Grade die Vorstellung des vergossenen Blutes in unserem Schulhof mich wahrhaft erschüttert hat. Vermochte ich es, dieses Martyrium wirklich zu realisieren? Um dieselbe Zeit wurden mir die Haare, die ich bis dahin pagenhaft halblang getragen hatte, zu einer richtigen Bubenfrisur geschnitten. Dieses Ereignis ist im Tagebuche mit ebenso starken Akzenten verzeichnet wie die Erschießung des siebzehnjährigen Revolutionärs. An den Tag von Kurt Eisners Ermordung durch den Grafen Arco erinnere ich mich ziemlich genau, da brauch ich mich nicht nur auf das Tagebuch zu verlassen. Dort versichere ich, daß ich um Eisner «weinte», aber davon stimmte kein Wort, es war glatt erfunden, der reizvollen Pose wegen. Schließlich wären Tränen, die ein Zwölfjähriger um einen Politiker und Literaten vergoß, von dessen Wirksamkeit er nichts wußte und von dem er keine Zeile gelesen hatte, etwas Unnatürliches gewesen. Aber die Eisner-Katastrophe berührte mich, etwas von ihrer Bedeutung wehte mich an - sonst hätte ich ja nicht einmal Anlaß gehabt, Schmerz zu posieren. Bei uns im Hause war übrigens Eisner, den Heinrich Mann in der Grabrede als den «Zivilisationsliteraten» feierte, nicht sehr hoch beliebt gewesen. Schon aus Opposition also glaubte ich ihn verehren zu müssen. - Was der Ermordung Eisners folgte, verstand ich wohl nicht mehr ganz; es bedeutete vor allem: schulfrei. 90 Der Abgeordnete Auer erschossen; die Stadt besetzt; «der Soldatenrat an der Herrschaft»; die Räteregierung, Plünderungsgefahr, der «Geiselmord»: ich finde alles verzeichne!, aber nirgends spüre ich zwischen den Zeilen eine wirkliche Begeisterung oder eine wirkliche Angst. Am 13. April schreibe ich auf: «Vormittags hieß es, die Räterepublik wäre gestürzt. Levin und Toller sind geflohen. Levin soll eine halbe Million mit nach der Schweiz genommen haben. Mühsam ist gefangen. Vormittags w.ir ich mit Otto im Nationalmuseum. Es war ganz interis-sant.» Als ich denselben Abend im Knabenchor der Mal thäuspassion singe, gibt es «eine Schlacht zwischen Räterepublikanern und Regierungstruppen». «Es entstand auch eine kleine Panik im Saal.» Am 18. April notiere ich, beinahe Kriegsberichterstatter-Stil: «Die Spartakisten ha ben Dachau genommen. - Aber man sagt, die richtigen Truppen Hoffmanns kämen noch. Die jetzt Geschlagenen wären eine weiße Garde aus München, die neulich hinausgeworfen wurde. In der Stadt wird durch Plakate auf die Bürgerschaft, die gehetzt.» Die Eintragung vom 19. halte ich auch noch für wert, zitiert zu wer den: «Vormittags las ich und machte ein mittleres Osterge dicht. Mittleres Essen. Dann sehr viel Deutschball gespielt. Am Schluß fing es an langweilig zu werden. Dann lasen wir mit Pielein ein sehr nettes, sarkastisches Märchen. Der Friede ist unterzeichnet. Bayern ist ausgeschlossen.» Am 21. April 1919 wurde mein jüngster Bruder geboren, während das Viertel, in dem wir wohnen, und die ganze Stadt sich in einer Art von Belagerungszustand befand. Daß mein politisches Interesse keinesfalls wirklich tief ging, habe ich schon gesagt; immerhin ist es amüsant, zu beobachten, wie es sich entwickelt. Im Herbst 1918 berich- 91 tete ich über die Fakten - die ich übrigens noch nicht aus der Zeitung, sondern aus dem Munde der Erwachsenen erfahre, – mit einem rein rhetorischen Pathos. Ich finde unter meinen Sachen aus dieser Zeit ein Drama «Bayerns Revolution », das ich am liebsten Wort für Wort zitieren würde, so sehr komisch ist es. Denn es beginnt im Zimmer Kurt Eisners «im Vordergrund um einen Tisch Wilhelm Herzog, Erich Mühsam und Eisner». Herzog stellt fest: «Unser Entschluß ist gefaßt. Heute ist die Versammlung auf der Theresienwiese.» Er schließt seine Ausführungen: «Kein Recht gilt mehr, das Volk ist frei! Die rote Flagge weht, wir werden als Erlöser angejubelt und Sie, Eisner, sind Präsident!» Worauf Eisner friedfertig erwidert: «Ich fürchte mich so sehr, daß Blut vergossen wird.» - Überhaupt ist Herzog als ein wahrer Vampir charakterisiert, außer sich vor grausiger Mordlust, so daß Eisner, eine durchaus tolstoische Natur, zu ihm sagen muß: «Ihr macht mich schaudern!» - «Doch wenn es ohne Blutvergießen ginge», beimerkt Eisner, «würde mich das sehr freuen.» - «Wenn es nur ginge», wirft Erich Mühsam ein. Auch der König wird nicht ohne Sympathie gezeigt. Kabinett des Königs. Dieser, seine Gattin. Königin: Heute soll ja die Versammlung auf der Theresienwiese sein. Ludwig: Leider. Königin: Was kannst du fürchten? Ludwig: Ich ahne Schlimmes. Denke dir, das Volk ist beisamen, Kurt Eisner redet, ein Umzug wird gehalten. Ist es denn da nicht sehr wahrscheinlich, daß es zu Ausschreitungen kommt? (Graf Scheck kommt in größter Aufregung.)» 92 Sowohl der Abend auf der Theresienwiese wird auf die Szene gebracht mit der feurig-gütigen Ansprache Eisners und der entsetzlich aufwieglerischen Wilhelm Herzogs (lieber Herr Herzog, verzeihen Sie mir doch alles, was ich Ihnen da angetan!) – als auch der bedauernswerte Zustand des Königspaares auf Gut Neustadt, wohin sie geflohen sind; schließlich aber auch das bittere Fiasko Eisners, der vom Volke fallen gelassen wird, weil er doch noch ein wenig Zucht halten möchte. Er monologisiert: «Wie schön dachte ich mir's doch, ein Volk zu befreien, zu erlösen, zu regieren, ihnen ein Vater zu sein! Das waren verlorene Illusionen. Von allen Seiten wird man angefochten. Undank ist der Welt Lohn! Ich stehe auf schwanken Füßen. Wilhelm Herzog ist nach Berlin abgereist. - Ich aber halte stand. Und möge das Volk mich töten, ich will sein Vater bleiben.» – Im Herbst 1919, gerade dreizehnjährig, flößen mir die rohen und brutalen Äußerungen der Reaktion, wie sie mir vor allem im Wilhelmsgymnasium täglich begegnen, einen Ekel ein, den ich schon echter finde. Am 27. September 1919: «Heute ist ja Kaisers Geburtstag. Ein Neuntklässler (Oberprimaner) schwingt eine Rede: Wir gehen einem neuen 1813 entgegen. Lächerlich —» Oder, ungefähr um dieselbe Zeit: «Jemand schwingt eine Rede auf Arco mit anschließenden Hochrufen. Zu deppenhaft. Die ganze Jugend schwärmt für diesen dummen Bengel.» Die Erschießung Levinés – am 5. Juni – erschüttert mich echter als die Eisner-Er-mordung, wenn ich es auch beinahe ebenso geschraubt ausdrücke. Vor allem aber irritiert mich der Kult, den die Jugend Münchens mit dem Mörder Arco treibt; immer wieder erwähne ich ihn besonders gehässig. Kurz und bündig stelle ich fest, daß ich «die Reaktion hasse». Der Nationalismus einer Schwester meines Vaters reizt mich zu ungeschickten, aber giftigen Sarkasmen. Den Gymnasialprofessoren habe ich 93 vieles vorzuwerfen; vor allem aber ihre rückschrittliche Gesinnung und ihren phrasenhaften Patriotismus. Es muß damals in den Münchener Schulen toll gewesen sein; wenn auch harmloser toll als heute. Die Antipathie gegen die literarisch radikalen Männer der Räteherrschaft war ohne Frage echt und blutmäßig bedingt; übrigens war sie bei den Jungens mindestens ebenso fanatisch wie bei den Lehrern. Ich verzeichne bitter, daß bei der Nachricht von der Ermordung Eisners in meiner Klasse «Jubel ausbrach». Man kann sich vorstellen, welch ungeheure Reaktion die Räterepublik, als sie gestürzt war, bei denen hervorrufen mußte, die sie als eine der Stadt aufgezwungene Schmach immer verabscheut hatten. Nur ganz kurze Zeit - ein paar Novembertage 1918-hatten Begriffe wie «Klassenrat», «Selbständigkeit der Schüler» einen Reiz für diese bürgerliche Jugend, die von Natur und Hause aus reaktionär war - und sogar dieser Reiz war am ehesten der einer Gaudi. - Trotzdem aber muß festgestellt werden, daß die politische Stimmung der Mittelschulen von 1919 und 1920 harmlos gewesen ist im Vergleich zu der, die heute dort herrscht. Man war reaktionär, aber ohne die fürchterliche und gefährliche Aggressivität von heute. Es gab noch keinen Nationalsozialismus. Dieses, bei aller gelegentlicher Heftigkeit merkwürdig angelernte und unvitale Interesse an den politischen Dingen war dazu bestimmt, abzusterben in dem Augenblick, als ein persönlicher, bewußter und intensiver geführtes Leben für mich begann. Es gab Jahre (und es sind die, mit denen dieses Buch schließt), während derer ich für das, was in der wirklichen Welt sich zutrug, kaum einen Gedanken übrig hatte: die religiös-erotisch-ästhetizistische Erlebniswelt beherrschte mich völlig. (Vielleicht sollte daran auch die Atmosphäre des Landeserziehungsheimes em wenig Schuld 94 haben.) - Erst wesentlich später und auf einer anderen Ebene kehrte das natürliche und notwendige Sich-mit-ver-antwortlich-Fühlen an dem, was öffentlich geschieht, bei mir wieder. Trotzdem warne ich davor, den Einfluß zu unterschätzen, den die politischen Läufte auf einen empfänglichen Jungen gehabt haben müssen, der im Jahre 1919 zwölf- und dreizehnjährig war. So ahnungslos er war, in bezug auf das, was sich zutrug: daß etwas sich zutrug, spürte er ohne Frage. Die Abenteuer und Verwirrungen der Neunzehnjährigen hatten den tumultösen Charakter der Jahre zur Voraussetzung, in denen ihre Pubertät begann. Der Knabe wußte nicht, daß der Boden ihm unter den Füßen wankte; aber er ahnte es doch. Wie ein Tier das Nahen eines Erdbebens wittert, spürte er, daß, während er auf dieser Schulbank saß, eine Wirtschaftsordnung und eine moralische Wertskala drauf und dran waren, zum Teufel zu gehen. Die Wirtschaftsordnung interessierte ihn damals weniger. Die Krise aber der europäischen Moral machte er sich früher bewußt, als es einer «normalen Entwicklung» zuträglich sein konnte. Wir werden auf diese ungeschickten, aber inständigen Versuche, den tröstenden Lichtschein einer neuen Moral zu erspüren, später zu reden kommen. - Was ich aber an dieser Stelle betonen will, ist: daß man keinesfalls glauben darf, der Mangel an Interesse oder das oberflächliche Interesse, welches wir den politischen Zuständen und Begebenheiten widmeten, ließe darauf schließen, diese Zustände hätten uns unberührt und unverändert gelassen. Mir scheint eher, daß sie in einer tieferen Schicht unseres Wesens ihre Spuren ließen, als in der, wo das intellektuelle Interesse entsteht. Am 1. Januar 1919 notiere ich: «Das neue Jahr. Mit Gewehrschüssen von Polschiwisten wird es eingeleitet. Gott! 95 Mein Gott, was soll werden! Weltuntergang. Rotes Feuer und starre Leichen.» Und wenn ich auch in derselben Zeile fortfahre: «Wir hatten eine Neujahrsgans, braun und fett -», so finde ich doch, daß das Wort «Weltuntergang» im Munde des Dreizehnjährigen am Neujahrstag - mag es auch noch so floskelhaft-rhetorisch gebraucht sein - etwas Beunruhigendes hat und daß es seinen Schatten notwendig werfen muß auf die Begriffe, die er sich später über Wert und Bestand menschlicher Ideen und heiliger Güter bildet. Wenn man ständig, bewußt oder unbewußt, auf «die Katastrophe» wartet (von der man sich, wie sie aussehen wird, natürlich keineswegs vorstellen kann), wird man irre an Werten, die also, wie es scheint, nicht mehr stark genug sind, das Nahen dieser Katastrophe aufzuhalten. Der immense Unterschied zwischen jeder Kindheit vor 1914 und einer, die gerade 1918 anfing, ist zum Greifen. Wenn ich später erzählen muß, wie böse und «amoralisch» wir wurden, so liegt es daran, daß sich in meinen Niederschriften von 1919 beinahe jeden zweiten Tag eine kindliche spannungsvolle Notiz wie diese findet: «Die Offi kam zu uns — in der Stadt machen die Arbeitslosen eine Demonstration. Die Polschiwisten wollen sich auch anschließen. Man erwartet eine Katastrophe.» Nach außen hin schien es uns nichts anzuhaben, daß wir in Jahren aufwuchsen, wo man ständig auf Katastrophen wartete. Wie wuchsen vergnügt auf, es ging uns ganz ausgezeichnet. Der Krieg war zu Ende, aber das Essen immer noch nicht viel besser geworden. Ein Kuchen oder ein Braten bedeutete immer noch Sensation. Gekleidet waren wir aufs aller-bescheidenste; Holzsandalen gab es immer noch. Als Erika eines großen Tages neue Lederschuhe bekam, entstand ein Gemurmel im ganzen Herzogpark. 131 Triumph der Bösheit (Januar 1921 bis Frühling 1922) Warum ist das Kind böse} Warum gibt es kleine Jungen, die mit grausiger Selbständigkeit darauf verfallen, Fröschen Strohhalme in den Hinterteil zu stecken und so lange zu blasen, bis das Tier buchstäblich platzt? Katzen in einem Sack tot zu prügeln? Maikäfern die Beine auszureißen? Jedes Kind ist ein Anarchist und ein Widersacher der Gesellschaft, In jedem liegt ein atavistischer Urtrieb - der: zu zerstören; und im begabten am stärksten. Ich brauche, um klassisch zu argumentieren, nur an Goethes berühmte Anekdote vom zerschmissenen Geschirr aus «Dichtung und Wahrheit» zu erinnern (Exzeß der Zerstörungswut!), oder an die absurde und unbegreiflich tückische Verlogenheit des kindlichen «Grünen Heinrich»; oder, um zeitlich Näherliegendes zu nehmen, an die diabolischen Experimente, mit denen die Knaben in Andre Gides Erziehungsroman «Die Falschmünzer» sich vergnügen. - Offen gesagt: ich mache Umstände und zitiere diese erlesenen Geister, um unsere eigenen Schandtaten ein wenig zu entschuldigen. Denn wir haben es arg getrieben. Ich muß, damit wir nicht gar zu finster dastehen, nochmals betonen, daß wir gleichsam doppelt entschuldigt waren: nicht nur durch die biologische Krise unseres Alters, sondern mehr noch durch die Krise des Landes und des Erdteils, dessen Kinder wir waren. Anarchie war der Zustand, der eine Welt beherrschte, welche vor unseren Augen sich in apokalyptischen Zuckungen wand. Wie absolut und völlig mußten erst die See- 132 len derer von ihr ergriffen sein, die sich mitten in dem anarchischen Abschnitt ihres Lebens befanden. Anarchisten sind asozial, aber doch wieder nicht gänzlich. Sie bedrohen die Gesellschaft lieber in Gruppen als wirklich einzeln und isoliert. Wir bildeten eine richtige Horde, ich sagte es schon - und zu vergnügen wußten wir uns, sehr zum Nachteil der Mitwelt. «Herzogpark-Bande»: Die Bezeichnung hatte einen deutlichen Akzent von Grauen, der uns mit Genugtuung erfüllte. «Die Mannskinder kommen, die Mannskinder kommen!» hieß es panisch, wenn wir das Trottoir hinuntertobten; und wir trugen den Kopf höher, da wir merkten, mit welcher Scheu man uns auswich. Wir verdienten unseren Ruf. Mit dem Schlimmsten, was wir betrieben, möchte ich anfangen: Wir waren Diebe, und zwar raffinierte. Es begann damit, daß wir auf den Rat eines gewitzteren Bekannten Pralines, Schokolade-tafeln, Marzipaneier in kleineren Spezialgeschäften klauten; bald gingen wir zu Parfümflaschen, Büchern, Seife und ganzen kleinen Baumkuchen über. (Noch sehe ich einen meiner Freunde einen mit Schokoladeguß überzogenen und recht stattlichen Baumkuchen mit pathetisch weitem Griff in die Falten eines schwarzen Wotan-Capes stecken.) - Einmal arrangierten wir ein kleines Festmahl, bei dem alles gestohlen sein mußte: vom Rollschinken über die Orangen und den Englischen Kuchen bis zum Mineralwasser und zum Klosterlikör - mit Bienenfleiß hatten wir's innerhalb einiger Tage zusammengerafft. Mit Erfahrung und Übung stellte sich Technik ein; eine Technik, ausgebildet bis ins allerkleinste und feinste. – Wenn wir das zum Opfer auserkorene Geschäft betraten, wirkten wir zunächst nicht anders denn etwas exzentrische, doch recht herrschaftliche junge Leute: eine von uns 1333 schon in der schwarzen Pelzjacke (angefertigt aus Mamas gutem, abgetragenem Winterstück); wir in schlichten, aber Hott gegürteten Lodenmänteln. Kaum waren wir eingetreten, verständigten wir uns darüber, ob das Etablissement für unsere Zwecke geeignet war oder nicht. Wenn irgend etwas uns störte, sagte gleich einer von uns: «Ach nein, dieses ist wohl kaum das Geschäft, das uns Mutti geraten hat.» Entsprach das Geschäft «Muttis Rat», blieben wir unerbittlich. - Erika nimmt ihre ganze Würde zusammen und verlangt mit damenhaft umflorter Stimme Ingwer. Unsere reifste und feinste Freundin, die in der Pelzjacke durch den dämmngen Hintergrund des Ladens streicht, erinnert hochmütig: «Ingwer in Packungen - vergessen Sie nicht, liebe Baronin.» Die Verkäuferin bekommt schon erstaunte Augen, doch das weltgewandte Fräulein im Lodenmantel verzieht keine Miene. «Es ist für ein Hochzeitsgeschenk», erklärt sie vertrauenerweckend. Und, plötzlich redselig: «Einige Bügeleisen und sonstiges hartes Gerät wird darübergepackt werden, so könnte die zarte Delikatesse nur zu leicht deformiert ankommen - ach, so vorsichtig muß man ja sein -» Das geängstigte Fräulein schielt mißtrauisch zu mir, der ich mich gar zu interessiert über ein Tischchen beuge, auf dem Bonbonnieren gruppiert sind. Aber Erika lenkt durch das enervierte Räuspern der anspruchsvollen Kundin die Aufmerksamkeit des armen Mädchens wieder auf sich: «Ingwer in Blechpackung also, wenn ich bitten darf.» Das Fräulein kann nur die Achseln zucken: «Ob wir das gerade vorrätig haben----» Aber die feine Dame im Lodenmantel bleibt halsstarrig und kapriziös, so hält sie das Fräulein in Atem. Während sie kramt und forscht, beschäftigen wir uns anderweitig. Jemand raunt mir zu: «Gib acht auf den Spiegel! Die Person kann dich sehen!» - Spiegel sind eine große Gefahr. 134 Aber das bedauernswerte Fräulein ist zu sehr auf die Blechpackungen konzentriert. - Schließlich kauft Erika ein Osterhäschen für 40 Pfennig. Als wir nachher in einem stillen Winkel unsere Taschen umdrehen, stellt sich heraus, daß wir mindestens für 4.50 Mark Süßes zu uns gesteckt haben. Ein Reingewinn also von 4.10 Mark. Wir finden, daß der Streifzug gelohnt hat. In der Tat arbeiteten wir so geschickt, daß wir bei einem solchen gemeinsamen Ausflug niemals aufgekommen sind (ich später einmal alleine, aber das war nicht mehr in München) -, nur ein einziges Mal beinahe, als wir die Gegenwart eines ganz kleinen Kindes im Geschäft für ungefährlich gehalten hatten. Das böse Fünfjährige aber verriet uns seiner Mama, der Ladeninhaberin, kaum, daß wir das Geschäft verlassen hatten, und die Matrone trat vor die Türschwelle, um drohend uns nachzublicken. Sie wisse alles, stand in ihrem Blick geschrieben -, und wir retteten uns in einen Hausgang, wo wir die ganzen kostbaren Konfitüren ohne Genuß herunterwürgten, um nur nichts mehr bei uns zu haben, falls die Polizei uns nachsetzen würde. Berauscht von der neuen Entdeckung - der: daß man böse sein konnte -; hingerissen von den rebellischen Wonnen - das zu tun, was die Erwachsenen unangebracht und häßlich fanden - trieben wir unser Wesen. Aber ich muß betonen, daß es eigentlich und letzten Endes ein harmloses Wesen war. An wirklich Bedenklichem geschah nichts zwischen uns. (Wohl gab es das wirklich Bedenkliche in meinem Leben schon, aber es hatte nichts mit unserer Gemeinschaft zu tun.) Wir trieben nur Schabernack und bildeten uns ein, ernsthaft sündig zu sein. Denn wir spürten die Schauer der Hölle, wenn wir etwa über dem Schreibtisch des gerade verreisten Vaters uns den Schwur ewiger Verderbtheit leisteten. Zu diesem feierli- chen und argen Zweck hatten wir Wedekinds Erdgeist-Lied in vier Exemplaren vervielfältigt: « Greife wacker nach der Sünde, Aus der Sünde wächst Genuß, Ach, du gleichest einem Kinde, Dem man alles zeigen muß. Meide nicht die ird'schen Schätze, Wo sie liegen, nimm sie mit – Hat die Welt doch nur Gesetze, Daß man sie mit Füßen tritt. Glücklich, wer geschickt und heiter Über frische Gräber hopst, Tanzend auf der Galgenleiter Hat sich keiner noch gemopst.» Dieses war unser hübscher kleiner Wahlspruch. Wir begossen ihn mit süßem Likör, der auch die Platte des Schreibtischs klebrig besudelte, und murmelten Flüche und Schwüre. Inflation 201 (Sommer 1923 bis Frühling 1924) Im Sommer 1923 waren Erika und ich das erste Mal in Berlin (unseren Kinderaufenthalt in der Tiergartenvilla kann ich nicht rechnen). Die Reise geschah ohne Wissen der Eltern, die uns auf einer Tour in Thüringen wähnten. In Wahrheit übergaben wir auf dem Bahnhof zwei Burschen, die nach Weimar weiterfuhren, eine Ansichtskarte, damit sie in der Goethestadt nach München eingesteckt werde. Wir aber reisten dem Anhalter Bahnhof zu. Ab Jena sagten wir uns, immer noch kindisch-böse wie damals, als wir nach Wien fuhren: «Jetzt beginnt das Verbotene – die Ungezogenheit fängt an –» Wir wurden in der Düsseldorfer Straße, bei den Eltern Evas, untergebracht. Im selben Haus wohnte Evas Freund, den ich aus der Ferne schon so verehrt hatte, der Autor des Gedichtbandes vom «Lebendigen». Ich fand ihn persönlich so großen Stils, wie ich es denn doch kaum zu hoffen gewagt hatte. Wir verlebten prachtvolle Tage mit ihm. Andere Freunde von Eva, die ich kennenlernte, gefielen mir nicht weniger ausgezeichnet; vor allem das Mädchen Edda, phantasiebegabt und schon reizvoll umgetrieben wie sie war. Auch diese Freundschaft, damals begonnen, gehört noch heute zu den zuverlässigen und guten Dingen meines Lebens. Berlin – meine eigentliche Heimat seitdem geworden – ist wirklich gar nicht besonders schön, wenn man es im hohen Sommer, ohne Wagen und ohne Geld, kennenlernt. Wir fanden es trotzdem ganz hervorragend prachtvoll. Die 202 Autobusse, die U-Bahn und die Lichtreklamen stimmten uns enthusiastisch; wir kamen das erstemal in ein richtiges Kabarett (mir scheint, daß es sogar der «Blaue Vogel» war) und in ein Lokal, wo Jünglinge miteinander tanzten. Daß es so was gab, fanden wir toll; und nun gar das fette alte Un geheuer, das in Damenkleidern drollige Strophen zum Vor trag brachte. Sündiger und widerlicher konnte nichts mehr sein, es war wirklich ganz herrlich, denn der Zwitter-Greis schwabbelte mit dem Fett, wenn er tanzte und sprang, sein großes Gesicht mit Hängebacken und verquollenen Augen war teils kreidig weiß, teils von obszöner Buntheit. - Wir waren gerade in der Stimmung, es für düsteres Symbol zu nehmen, als aus dem schmierigen Parkettboden des Etablissements - das sich im Norden Berlins befand und ir gendwie mit einem «Bund für Menschenrechte» zu tun hatte - schmutziges Wasser quoll. Man sagte uns, es sei das Grundwasser, das hier hervortrat, und wir empfanden es als gräßlich charakteristisch für den moralischen Zustand des Ortes. Nach den Berliner Tagen absolvierten wir die mitteldeutsche Tour, um doch noch etwas Richtiges erzählen zu können. Ich glaube, daß wir nur in Weimar und Jena waren. Eva und Edda reisten mit uns. Die beiden klassischen Städte machten mir fast überhaupt keinen Eindruck, nur das kleine Sterbezimmer Goethes rührte mich. Es ist der einzige Ort dieser Reise, dessen ich mich noch in allen Einzelheiten entsinne. Denn auch das fürchterliche kleine Hotel, in dem wir wohnten, habe ich Gott sei Dank völlig vergessen. Es war unsere erste selbständige Reise und auch gleich die erste, bei der das Geld uns vollkommen ausging. Wir hatten nichts mehr zu essen und mußten in einen Buchladen eintreten, wo wir schüchtern-frech gestanden, wer wir waren und wie es um uns stand. Man gab uns das 203 Allernötigste. Aber wir blieben so arm, daß wir uns ein hartes Ei zu viert teilen wollten. Unvergeßliches Entsetzen, als Eva es alleine in den Mund steckte, das ganze glatte, kühle, ovale, kostbare Ding, und es verschluckte, wie eine Riesenschlange ihr kleines Opfer. Ich hatte ja, daß sie sehr tyrannisch und selbstherrlich war, immer gewußt; aber so viel Rigorosität hätte ich ihr denn doch nicht zugetraut. — I ).is wesentlichste Ergebnis der Reise war mit Edda die neue Freundschaft, die schnell einen gewissen Höhepunkt «Irr Intensität erreichte. - In Saalfeld (von wo aus Eva noch Wickersdorf besuchte) trafen wir um Mitternacht jenes ethische Fräulein Thea, die damals unser Bert-Geheimnis den Eltern preisgegeben hatte. Merkwürdigerweise war ihr nicht auszureden, daß ich im Begriff sei, Architekt zu werden. Wir kamen von der kleinen Ferienreise wohlbehalten zu-i tick und erzählten munter, wie angenehm die thüringische I andschaft sei. Unser Ausflug in die Reichshauptstadt sollte erst später bei einer späteren Gelegenheit aufkommen. Herbert Schlüter nannte unlängst eine Novelle einfach »Das Jahr 1923». Er nahm die Jahreszahl als Symbol für einen Zustand, und es gelang ihm bemerkenswert gut, die makabre und angeregte Atmosphäre diese Zeitabschnittes festzuhalten: ein Lokal wird pompös eröffnet und denselben Abend wieder geschlossen; ein junger Kokainhändler muß schnell mal ins Ausland, aber ein Mädchen liebt ihn und wartet auf ihn; das Mädchen hat einen Bruder, der ihr hörig ist; es gelingt ihm weder mit seiner inzestuösen Leidenschaft noch mit seiner überspitzten Intellektualität noch mit der Zeit überhaupt fertig zu werden; so tötet er sich. 204 Oh, diese Zeit, da man zwischen allen Vergnügungen immer wieder spielt mit der schrecklichen und süßen Idee des Selbstmörders; da man jedem Ausgang eine besondere Weihe dadurch abzwingt, daß man immer wieder beschließt: es sei der letzte, der letzte, der letzte. Zu allen Formen der Selbstvernichtung war man schon fest entschlossen: der Strick hing schon an einem festen Haken im Speicher; dieses Gift könnte man sich so oder so verschaffen; nachts in den Schnee könnte man sich legen, tüchtig Schnaps vorher trinken und dann schlafen------; oder einfach vom Turm der Frauenkirche springen, das Hirn aufs Pflaster verspritzen. Aufhören wollen, während doch eigentlich alles gerade am besten und am erregendsten ist: absurdeste und schönste Begierde des Siebzehnjährigen. Im November 1923 wurde ich siebzehn Jahre alt. Da es mit dem Landerziehungsheim nichts mehr war, ich aber zur Staatsschule zunächst den Anschluß verloren hatte, sollte ich durch Privatstunden für die Oberprima vorbereitet werden. Über ein halbes Jahr lang genoß ich Unterricht bei allerlei Herren, in Lateinisch, Englisch, Mathematik usw. - übrigens ohne nennenswerte Erfolge. Ich mochte keinen dieser Pädagogen besonders, am wenigsten einen, der überall außerordentlich beliebt war. Er gab englischen Unterricht, in seinen Mußestunden schrieb er literarische Studien. Ich erinnere mich seiner als eines eisgrauen Gentleman angelsächsischen Typs, von einer gewissen tückisch-loyalen Munterheit, die mich peinigte. - Der Unterricht, den ich als die pure Zeitverschwendung empfand, schleppte sich bis in den Anfang des Jahres 1924. Eines schönen Tages legte ich mich ins Bett, behauptete, vor allgemeiner Angegriffenheit schlechterdings unfähig zum Aufstehen zu sein, und schrieb meinem Vater, der zwei Stockwerke unter mir in seinem Arbeitszimmer saß, einen 205 Brief, ich könne den Unterricht nicht mehr aushalten und, kurz und gut, ich wolle sofort Tänzer werden. Nach Berlin müsse ich, zu Tanzmeister Terpis, und mich gleich ausbilden lassen. Daraus wurde nichts, aber mit dem Unterricht war doch Schluß. – Das ereignete sich erst im Februar 1924. Der Herbst 1923 war von einer tollen und wirbeligen Bewegtheit, auch für uns, die gerade Siebzehn- und Achtzehnjährigen. Diese Bewegtheit schien, was uns betraf, rein privat und zufällig-persönlich - denn zu meinem nachträglichen Erstaunen muß ich gestehen, daß wir an der nationalen und sozialen Katastrophe unheimlich wenig Anteil nahmen -; in Wahrheit waren wir natürlich nur mitergriffen. Während wir uns auf eigene Faust toll zu gebärden dachten, tanzten wir nur nach dem Takt, den die Zeit uns angab. Unser Freund Theo war der Typ des jungen Mannes vom Jahre 1923 par excellence. Er war sowohl schwärmerisch als geschäftstüchtig; junger Bankmensch mit nervös gespannter, energisch zarter, leicht angegriffener Manier, der sich für Wedekind, Unruh, Georg Kaiser begeisterte, es aber gleichzeitig famos mit den Devisen verstand. Er zauberte Geld, wie es damals vielen begabten Jünglingen glückte; und er verschwendete es hauptsächlich, indem er uns aufs großartigste einlud. Das war eine sehr romantische Verschwendung, denn wir waren Kinder, mit denen in den Nachtlokalen und besseren Restaurants nur Verwunderung zu erregen, keinesfalls Staat zu machen war. Theo, vier und fünf Jahre älter als wir - er war ein Klassenkamerad W. E. Süskinds -, hatte uns wirklich gern; er behandelte uns halb gönnerhaft von oben herab, halb verehrungsvoll, während er uns mit enthusiastischer Großzügigkeit traktierte. Er war pathetisch, naiv und gerieben. Nie wieder hat es diesen Typ des jungen Abenteurers gegeben; denn dieser war 206 hochliterarisch, er redete von «Dynamik» und «Rhythmus der Zeit», während er seine undurchsichtigen Börsengeschäfte betrieb. Er machte den Mädchen Gedichte, abgese hen davon, daß er ihnen schöne Dinge schenkte; mir aber schrieb er Freundschaftsbriefe im Stil der Romantiker. Et hatte einen echten Elan, einen hinreißenden Auftrieb. Jazz-Musik und expressionistische Lyrik versetzten ihn in Ekstase. Er schenkte mir die Gedichte Klabunds, nicht nur Zigarettenspitzen und Likör. – Dem grauenhaften Jahr 1923, das Millionen von Existenzen zerschmettert hat, bleibt der sozial nichtige, ästhetisch aber nicht zu unterschätzende Vorteil, daß er eben diesem Typ des intellektuellen Vabanque-Spielers zu einer phantastischen Blüte verhalf, die er sonst niemals gekannt hätte. Theo bildete gewissermaßen das Zentrum unseres Mün chener Inflationskreises. Außer uns gehörte ihm fest nur noch Süskind an. Andere kamen und gingen. Walters- Mädchen waren zu Anfang ziemlich oft mit von den wilden Partien; später ein zauberhaft unordentliches und konfuses kleines Norwegermädchen, Ella, in die wir alle verliebt waren; noch später Pamela Wedekind. Von ihr ist noch zu erzählen. Sie war Ellas großartiges und krasses Gegenteil. Denn die kleine Skandinavierin war verhuscht und zärtlich; unberechenbar, launisch, witzig und süß. In ihrem Schwabinger Pensionszimmer lagen die Seidenschals über den Teetassen, die Grammophonplatten bei den Scherben zerschmissener Parfümflakons. Schwedische, dänische Freundinnen zwitscherten aus und ein. In den Handtäschchen, die offen hingen, knisterten die Devisen, mit denen man fast umsonst in Deutschland lebte. - Der Typus dieser verwirrten und anmutig schmarotzenden kleinen Ausländerinnen gehört zum Bilde der deutschen Inflationsstädte. Ella, zwischen lauter papageienbunten und zerdrückten Hütchen 207 und Kissen auf ihrer Couch am Teetisch hockend und ihre übermütig-melancholischen Liedchen zur Laute singend: eine Momentaufnahme, die ich mir bewahre, als Symbol für eine bestimmte – die harmloseste und liebste – Seite dieser ganzen Zeit. Am reizendsten und stärksten hat sie W. E. Süskind festgehalten, dem das nordisch kapriziöse Geschöpf zweimal zu seiner schönsten und lebensvollsten Frauengestalt wurde, erst in «Tordis», dann in seinem «Jugend«- Roman. Theo ließ uns Champagner-Soupers in der Reginabar servieren, es kostete dreieinhalb Millionen pro Person. Nach dem Gastmahl fuhren wir in die Münchener Vergnügungsstätten, die unserer ahnungslosen Lebenslust so ausschweifend erscheinen und die vielleicht, in diesen Monaten, wirklich zuweilen etwas wie echte Abenteuerlichkeit zwischen ihren Wänden aufkommen ließen, die seitdem nur auf die trübste Langeweile schauen: Boccaccio, Mal-kasten, Bonbonniere, Simplizissimus. Bei Papa Benz in Schwabing tanzte «Stella Julotte, das schicke Persönchen», und es wurden die unanständigsten Sketche gespielt, über die wir vor Lachen bersten wollten. In der Bonbonniere erschütterte uns die Kate Kühl, als sie «immer an der Wand lang —» vortrug, und wir schrieben dem Tänzer Ingo, daß wir ihn jedenfalls gleich kennenlernen müßten. (Warum mußten wir die Gussy Holl versäumen, die gar nicht so lange Zeit vorher in denselben Räumen ihr Genie entfaltet hatte? Wie hätten wir die Blauen Vogel, der Trude Hesterberg. In der Münchener Bonbonniere konnte es immerhin geschehen, daß vier Burschen im Chore einen Matrosen-Song des Walter Mehring brachten: das war schon herrlich für uns. Meistens aber herrschte der ödeste Kitsch. Auch über ihn verstanden wir 208 uns zu amüsieren. Wir machten den fetten Onkel auf dem Podium nach, der immer behauptete, in Japan seien die «Kürschen» so süß; Erika und Süskind eroberten sich gemeinsam Tenor Guggenbuhler, der im Gärtnerplatztheater Triumphe feierte und sich nachher im Malkasten mit Erika traf, von der er annahm, sie sei ein liebes Provinzmädel, Süskind ihr Bruder und Referendar. Wie überraschend doch, in einem genaueren Sinne, wie zeitgemäß wir ausgesehen haben müssen, wenn wir zusammen in den spießig-lasterhaften Etablissements erschienen! Theo und Süskind schon in Smoking, die jungen Gesichter ganz blond, weich und doch gespannt über den steifen Kragen. Erika in einem merkwürdig geschnittenen schwarzen Seidengewand, das Gesicht gerahmt von langen Ohrringen, einem Geschenk Theos; Ellas Köpfchen mit rotem Hui über dem zugleich mollig untersetzten und grazil biegsamen Körper zwitschernd und schwankend; ihr unruhiges Antlitz mit der flaumigen Haut, den hellen kleinen Augen, die nach dem ersten Glas Champagner trübe wurden, dem unbeholfen beweglichen Mund, der nur lachen, schmollen oder singen konnte. - Am stärksten fiel ich auf, denn ich trug eine blaue Russenbluse, bis zum Hals geschlossen, mit kleinem weißen Umlegekragen; das Gesicht darüber kalkig weiß oder dunkelbraun gepudert. Beim Tanzen ließ ich mich von den Mädchen führen. Ella kicherte und jubelte, wenn ich so betrunken-schwer in ihren Armen hing. -Manchmal war Ricki bei uns, das Haar wirr in der Stirne, das dunkle, ungewöhnliche Gesicht von Haß gegen dies Milieu, das er nicht mochte, verzerrt oder vom Alkohol zu einer rasenden Lustigkeit verändert. Dann umarmte er die Oberkellner und hüpfte gebückt durchs Lokal, mit den Armen wie mit Flügeln schlagend. - Als aber erst Pamela zu uns kam------ 209 Zu Hause ging es immer noch recht bescheiden zu, während wir es, dank Theos geschickter «Dispositionen», nächtlich oft so luxuriös trieben. Ehe Theo uns in den Strudel riss, waren wir so völlig weltfremd, daß Erika und ich alleine in ein mondänes Nachtlokal gingen im Glauben, man brauchte dort nur ein Glas Wein bestellen. Wir waren erst pikiert, dann entsetzt, als der Kellner uns zum zweiten Mal eingoß. Es kostete 120000 Mark, wir hatten aber nur 50000 bei uns. So mußten wir Süskind anrufen, daß er komme und uns auslöse. Das Grausige war, daß er sich nicht einreden ließ, daß wir im bittersten Ernste sprachen, sondern der Absicht blieb, wir machten uns auf unsere schlechte Art einen Scherz mit ihm. So rächte sich alles Üble, zu dem wir ja das Telephon mißbraucht hatten. Wir flehten, er möge ilncli kommen. Schließlich schickten wir den Oberkellner .in den Apparat, damit die Wahrheit unserer Angaben erwiesen sei.