stierle kleist 01 (3508x2552x256 jpeg) Kommunikationstheorie / Pragmatik Karlheinz Stierle Das Beben des Bewußtseins Die narrative Struktur von Kleists .Das Erdbeben in Chili' Literaturtheorie gibt keine Antwort auf die Frage, was Literatur sei. Sie dient auch nicht dazu, zeitlos gültige Kategorien zu entwerfen, mit deren Hilfe die einzelnen Werke sich ein für alle Mal in ein System einordnen ließen. Noch weniger taugt sie dazu, wahre Sätze über literarische Gegenstände von unwahren zu scheiden oder Kriterien für eine solche Scheidung aufzustellen. Sie erlaubt es vielmehr, die Voraussetzungszusammenhänge der Fragen zu klären, die die Literatur aufwirft und die sich dem Umgang mit Literatur stellen. Die Literaturtheorie hilft, die Fragen an die Literatur in ihrer systematischen Reichweite aufzuhellen. Fragen sind von anderer geschichtlicher Natur als Antworten. Sie greifen über die Antworten hinaus und benennen Spielräume des Möglichen. Antworten gibt das einzelne Werk in seiner besonderen, konkreten Geschichtlichkeit. Im Wechselspiel von theoretisch aufgehellter Frage und historisch-konkreter Antwort, die ihrerseits wieder neue Fragen entbindet, gewinnt die Erkenntnis ihren eigenen Spielraum als Durchdringung des Konkreten mit der Kraft der systematischen Ordnung des Fragens und als Sättigung der ausgreifenden Bewegung der Frage in der Konkretheit und Bestimmtheit der Antwort. So will auch die Erzähltheorie nicht dem einzelnen Werk vorgreifen, sondern es in einer Folge systematisch verknüpfter Schritte des Fragens zum Sprechen bringen. Was das Werk antwortet, ist ihm eigen; dennoch kommt seine Besonderheit nie unvermittelt zur Geltung, sondern immer bezogen auf den besonderen Blick, die besondere Aufmerksamkeit und Sensibilität dessen, der das Werk konkretisiert und diese Konkretisation befragt. Indem aber vermittels der Theorie die unmittelbare Rezeption zur Antwort auf eine systematisch orientierte Frage wird, wird sie erst zur Einsicht, die der Reflexion, der Vertiefung, Verfeinerung und Revision offensteht. Die narrative Struktur von Kleists ,Das Erdbeben in Chili' 55 Im folgenden soll Kleists Novelle Das Erdbeben in Chili auf den Zusammenhang ihrer Erzählstrukturen befragt werden1. Aber nicht als Objekt für eine das Werk vergegenständlichende wissenschaftliche' Methode, sondern, in der zweifachen Gestalt, die dem sprachlichen Werk eigen ist, als Vollzug einer sprachlichen Handlung im Spielraum vorgängiger Formen des sprachlichen Handelns und als Resultat des sprachlichen Handelns, d.h. als Objektivation des Texts im Werk. Der Text ist Vollzug und Struktur in einem.2 Der Vollzug ist die Bedingung der Struktur, die Struktur ist die Bedingung des Vollzugs. Es gilt demgemäß, das eine nicht auf Kosten des anderen zu verabsolutieren, sondern beide Momente wahrzunehmen. Dafür ist das wahrnehmende Bewußtsein freilich im Horizont der ersten Lektüre überfordert. Doch in wiederholten Lektüren können Vollzug und Struktur in wechselnden Verhältnissen von Thema und Horizont der Wahrnehmung ergriffen und so immer prägnanter in ihrem inneren Zusammenhang erfaßt werden.3 Fragt man nach der konzeptuellen Grundfigur, aus der Kleists Novelle hervorgeht4 und durch die sich ihre Erzählachse zwischen Anfang und Ende bestimmt^ so gibt nicht nur die Geschichte selbst sich als eine prägnante Entfaltung der elementaren Entgegensetzung von Glück und Unglück zu erkennen, auch in der sprachlichen Artikulation des Textes sind ,Glück' und ,Unglück' die sich durchhaltenden Bezeichnungen, die dieses Grundverhältnis ausdrücklich machen. Aus einer elementaren, vornarra-tiven konzeptuellen Entgegensetzung lassen sich vielfältige narrative Figuren ableiten. Es gibt zunächst zwei Möglichkeiten, einer elementaren Entgegensetzung einen zeitlichen Richtungssinn zu geben und so den Übergang vom einen zum anderen Konzept thematisch zu machen. Dann aber gibt es auf der Achse der Nachzeitigkeit vielfältige Möglichkeiten, aus einer elementaren konzeptuellen Entgegensetzung komplexe Figuren zu gewinnen und diese durch Figuren auf der Achse der Gleichzeitigkeit noch zu steigern. Aus Glück kann also Unglück, aus Unglück kann Glück werden, Glück kann aber auch in Unglück und Unglück wieder in Glück umschlagen, und andererseits können gleichzeitig verschiedene Gestalten, die die Geschichte miteinander verknüpft, die konzeptuelle Entgegensetzung zum Ausdruck bringen, und nicht zuletzt kann diese als spannungsreiche Erfahrung einer einzigen Person zur Darstellung kommen. Mit der strukturgebundenen Vervielfältigung der leitenden Konzepte werden diese selbst in ihrem Erfahrungsgehalt immer weiter vertieft. So macht die narrative Konkretisation Konzepte zu anschaulich erfahrba-iin Inbegriffen. Die elementare vornarrative Grundfigur ,Glück - Unglück' ist die