erläutern und lassen1 lieher Ritu So ist dies bloße Sam graphien -für jeden, c alters verst DIE DEUTSCHEN HERRSCHER DES MITTELALTERS Historische Portraits von Heinrich I. bis Maximilian I. (919-1519) Herausgegeben von Bernd Schneidmüller und Stefan Weinfurter Verlag C. H. Beck München Verlag Sigmund (1410/1411-1437) 463 Sigmund (1410/1411-1437) Mit Jobst von Mähren (1410-1411) von Martin Kintzinger Heute nach der lateinischen Form seines Namens als Sigismund oder in der zeitgenössischen deutschsprachigen Form als Sigmund (Siegmund) bezeichnet, sah sich der einzige Träger dieses Namens unter den deutschen Königen in die Krisen und Spannungen seiner Zeit hineingestellt, die seinem Handeln Anforderungen, Ziele und Grenzen vorgaben. Wie sein älterer Bruder Wenzel, so erhielt auch Sigmund seinen Namen nach einem der böhmischen Landespatrone, einem Burgunderkönig des 6. Jahrhunderts, dessen Verehrung zugleich die Traditionen des westlichen Ursprungs des Hauses Luxemburg mit einbezog. Schon daß Sigmund als König von Ungarn seinen Herrschaftsschwerpunkt in einer Region außerhalb des Imperiums hatte, bevor er römisch-deutscher König wurde, erweiterte die Dimensionen und Herausforderungen beträchtlich. Ähnlich wie sein Vater, Kaiser Karl IV, folgte er weniger programmatischen als pragmatischen Entscheidungen. Erfolge und Mißerfolge seines Handelns lagen oft dicht beieinander, waren und sind in ihrer Zuschreibung nicht selten abhängig vom Standpunkt des Betrachters. Deshalb fand er schon zu Lebzeiten stets ein geteiltes Echo: Erneuerer der Kaiserherrschaft für die einen, planlos Getriebener für die anderen. Bis heute dominiert seine Einschätzung als unberechenbarer Machtpolitiker und Abenteurer, skrupelloser Taktiker und Interessenpolitiker. Planungen und Möglichkeiten Als zweiter überlebender Sohn Karls IV. und seiner vierten Frau Elisabeth von Pommern wurde Sigmund am 15. Februar 1368 in Nürnberg geboren. Auch er war im heiratspolitischen Entwurf des Vaters fest verplant. Bereits als Kleinkind mit der Tochter des Nürnberger Burggrafen aus dem Haus Zollern verlobt, wurde er dieser Bindung bald wieder enthoben, nachdem der Burggraf einen eigenen Sohn erhalten hatte. Nun konzentrierte sich das Interesse des Kaisers auf eine Expansion seines Hauses im Osten. Im Rahmen intensiven Bemühens um das Erbe des söhnelosen Königs Ludwig I. von Ungarn und Polen, der seit den frühen siebziger Jahren drei Töchter hatte, war Sigmund als Ehemann für eine von ihnen vorgesehen. 1375 wurde er mit Maria, der zweiten Tochter Ludwigs, verlobt. Doch gab es von Beginn an Schwierigkeiten: Französische Ambitionen auf das Erbe Ludwigs standen den Ansprüchen der Luxemburger entgegen. Ludwig von Ungarn und Polen hatte sich entschlossen, sein polnisches Erbe an die ältere Tochter, Katharina, das ungarische an die jüngere, Maria, zu vergeben, beider Erbansprüche an dem jeweils anderen Reich aber zu bewahren. Katharina war Ludwig von Orleans, dem Sohn des französischen Königs, versprochen. Der Zufall kam den Luxemburgern zu Hilfe; Katharina starb bereits wenige Monate später, noch 1378, und die polnisch-ungarische Erbfrage war bis zu König Ludwigs Tod 1382 wieder offen. Sigmunds Stellung als dessen künftiger Schwiegersohn blieb dennoch von Schwierigkeiten gezeichnet, dies um so mehr, als er zunehmend eigene politische Ambitionen entwickelte. Als ersten eigenständigen Herrschaftsbereich erhielt er bereits 1376 vom Vater die Markgrafschaft Brandenburg verliehen. Seit 1363 war Sigmunds Bruder Wenzel gekrönter König von Böhmen. Ende Dezember 1376 erließ Karl IV. eine Erbordnung, die Brandenburg für Sigmund vorsah und überdies die gegenseitige Erbfolge der beiden Brüder festschrieb. Allerdings stießen die Vorstellungen Karls auf Widerstand im Reich. Man kannte und kritisierte die Absicht Karls, durch Verleihung der Mark an den jungen Sigmund nicht nur eine zweite Kurstimme für sein Haus zu gewinnen, sondern diese auch sofort zu nutzen, um die ihrerseits umstrittene Königswahl Wenzels schon im Sommer 1376 zu sichern. Persönlichkeit und erste Selbständigkeit Nach dem Willen des Kaisers, den er programmatisch auch in der Goldenen Bulle für die Erbprinzen der Kurfürsten im Reich hatte festschreiben lassen, wurden seine Söhne durch eine anspruchsvolle, die 464 Martin Kintzinger Sigmund (1410/1411-1437) 465 Traditionen der Adelskultur wie den zeitgenössischen gelehrten Wissensstand einschließende Erziehung auf ihre herrscherlichen Aufgaben vorbereitet. Wegen seiner ungewöhnlichen Bildung, vor allem einer ausgesprochenen Sprachbegabung, ist Sigmund von den Zeitgenossen immer wieder gerühmt worden. Er vermochte west- und osteuropäische Sprachen wie auch Latein zumindest soweit zu beherrschen, daß er sich mit politischen Gesprächspartnern selbst verständigen konnte. Sein Handlungsspielraum als Herrscher verschiedener Reiche wie in der internationalen Diplomatie und Konzilspolitik war damit erheblich geweitet. Anders als sein Vater und darin seinem Schwiegervater gleich, repräsentierte Sigmund zudem nicht nur den Typus des eloquenten und gebildeten, sondern auch den des körperlich attraktiven, ritterlichen Herrschers, der den Turniersport und den Glanz höfischer Feste liebte. Charakterlich dennoch in vielem seinem Vater sehr ähnlich, neigte er zu lebhafter Spontaneität und unmittelbarer Entschlossenheit. Alle diese Eigenschaften und Vorlieben unterschieden Sigmund zugleich grundsätzlich von seinem Bruder Wenzel und mögen ihn von der eigenen Überlegenheit überzeugt haben. Die auf Heiratspolitik aufbauende Expansion der Luxemburger im Osten traf auf unerwartete Probleme. Die einflußreichen Frauen am ungarischen Hof, die Königinmutter, die künftige Schwiegermutter, und durchaus auch seine Verlobte hatten erhebliche Vorbehalte gegen ihn, und erst langsam erschlossen sich für Sigmund überhaupt Möglichkeiten zu eigener Gestaltung, die er ungeduldig erwartete. Im Jahr 1382 überschlugen sich dann die Ereignisse. Ende Juli hatte König Ludwig für Sigmund einen Treueid der polnischen Stände erwirkt, so daß er nun in dessen beiden Reichen als Nachfolger seines Schwiegervaters anerkannt war. Mitte September aber starb König Ludwig; Sigmund mußte nun unter schwierigsten Bedingungen versuchen, seinen durch die Verlobung erwarteten Erb- und Herrschaftsanspruch bei den selbstbewußten Ständen der Reiche Ludwigs durchzusetzen. Es gab durchaus Vorbehalte gegenüber der bisherigen Doppelmonarchie. Vor allem in Polen, wo die Stände seit alters ihr Recht der Königswahl in Anspruch nehmen konnten, klagte man über die allzu häufige Abwesenheit König Ludwigs. Erst 1374 hatte der polnische Adel, im Ausgleich für die Anerkennung weiblicher Thronfolge zugunsten der Dynastie des Königs, das Recht zu eigener politischer Mitsprache auf allen Ebenen der Herrschaftspolitik erzwingen kön- nen. Davon wollte man nun auch gegenüber dem künftigen Herrscher Gebrauch machen, der bereits damit begonnen hatte, als «Herr des Königreichs Polen» zu Urkunden. Die Karten wurden jetzt neu gemischt. Gefahr und Behauptung in Ungarn Am 11. September 1382, nur wenige Tage nach dem Tod Ludwigs, wurde Sigmunds Verlobte, Maria, zum «König von Ungarn» {rex Hungariae) erhoben. Die männliche Form des Titels trotz weiblicher Thronfolge gibt bis heute Rätsel auf; sie sollte wohl ausdrücken, daß der künftige Ehemann Marias keinesfalls zwangsläufig als König anerkannt werden würde. Vorerst sicherte die Königinmutter, Elisabeth, sich und ihren Vertrauten den entscheidenden Einfluß auf Maria und auf die Politik der Krone, so daß Sigmund praktisch ausgeschaltet blieb. Gleichzeitig gaben die polnischen Stände bekannt, Sigmund nur dann als ihren König zu akzeptieren, wenn er sich verpflichte, künftig in Polen zu residieren. Als er sich diesem Anliegen verweigerte, wiesen sie seinen Thronanspruch scharf zurück und erwogen die Erhebung eines Konkurrenten. Der ehrgeizige, aber weit überzogene Plan, das Doppelkönigtum Ludwigs den Territorien der Luxemburger anzufügen, war schnell und endgültig gescheitert. Am 15. Oktober 1384 wurde Hedwig, die jüngste Tochter des verstorbenen Königs Ludwig, zur Königin von Polen gekrönt und zwei Jahre später mit dem litauischen Großfürsten verheiratet; die Erwartungen des Hauses Luxemburg auf die polnische Krone waren damit erledigt. Die Königinwitwe Elisabeth ging nun daran, Sigmund auch aus Ungarn zu verdrängen, löste 1385 seine Verlobung mit Maria und versprach diese Ludwig von Orleans, der zuvor mit Katharina verlobt gewesen war. In dieser nahezu ausweglosen Lage bewies Sigmund erneut seine diplomatischen Fähigkeiten wie auch seine rückhaltlose Entschlossenheit; überraschend gelang es ihm, die Lage zu seinen Gunsten zu ändern. Er erkaufte sich die Unterstützung seiner Verwandten, auch seines Bruders Wenzel und des Markgrafen Jobst (Jost, Jodok) von Mähren, seines Vetters, mit großzügigen Zahlungen und Rechtsübertragungen vornehmlich zu Lasten der Mark Brandenburg. 466 Martin Kintzinger Sigmund {1410/1411-143J) 467 Durch einen militärischen Handstreich konnte er sodann Teile Ungarns an sich bringen und fand wieder erste Unterstützung im Adel. Unverhofft kam es Sigmund dabei zugute, daß Karl von Durazzo, Konig von Neapel, zur selben Zeit daranging, eigene, verwandtschaftlich begründete Ansprüche auf den ungarischen Thron mit Waffengewalt durchzusetzen. Im Herbst 1385 landete Karl in Dalmatien und konnte seine Königskrönung am 31. Dezember erzwingen. Elisabeth und Maria, nun in der Defensive, mußten die französischen Heiratspläne, die Karl von Durazzo verhindern wollte, aufgeben. Schon zu Anfang des Folgejahres ließ Elisabeth Karl ermorden. Jetzt war es Sigmund, der von der verworrenen Lage profitierte. Bereits im Herbst 1385 hatte Elisabeth der Trauung Sigmunds mit Maria endlich zustimmen müssen. Immerhin als «Vormund von Ungarn» galt er seither und als Gemahl der Königin, wenn auch noch nicht selbst als König. Ein zweites Mal verdankte er seinen Erfolg dem Eigeninteresse anderer. Aufständische nahmen in Südungarn Elisabeth und Maria anläßlich einer Reise gefangen und ermordeten Elisabeth wenig später. Der ungarische Adel, von der weiblichen Thronfolge ohnehin nicht überzeugt, sah sich genötigt, einen starken König zu wählen, der das Land wieder befrieden sollte. Hierfür kam am ehesten Sigmund in Frage; seine ungesicherte Stellung erlaubte es zudem, ihm eine weitreichende Wahlkapitulation zu diktieren, die den Ständen vielfache Mitsprache garantierte. Seit dem 2. Februar 1387 bereits nannte Sigmund sich «Herr, Hauptmann und Vorsteher des Königreichs Ungarn», am 31. März wurde er in aller Form zum König von Ungarn gekrönt und residierte seither und für die kommenden Jahre bevorzugt in Ofen. Herrschaftsdurchsetzung und Türkengefahr Seine Gemahlin Maria befand sich zum Zeitpunkt seiner Krönung noch immer in Gefangenschaft, aus der er sie Anfang Juni befreien konnte. Erben gingen aus dieser Ehe nicht hervor. Maria starb im Frühjahr 1395 an den Folgen eines Reitunfalls; Sigmund irritierte die Beobachter durch demonstrative Teilnahmslosigkeit. Sein Ziel, unbestrittener König in Ungarn zu sein, war nun erreicht, doch seine Kritiker erinnerten daran, daß er seinen Thronanspruch nur aus dem Erbe seiner verstorbenen Frau herleiten konnte. Bereits zu Beginn seines Ringens um die ungarische Königswürde hatte Sigmund auf die Hilfe seines Vetters Jobst von Mähren zählen können und ihn dafür in erheblichem Umfang belohnt - wovon aber noch immer Zahlungsverpflichtungen offengeblieben waren, für die sich Jobst durch Besetzung von Territorien schadlos hielt. Ebenfalls bereits früher hatte Sigmund zu einer freigebigen Verpfändungspolitik von Reichslehen Zuflucht genommen und das bis dahin einzige seiner Herrschaft unterstellte Rcichsterritorium, die Mark Brandenburg, dafür zur Disposition gestellt. Jetzt fuhr er an dieser Stelle fort, um sich aus seiner prekären Finanzsituation zu retten, und verpfändete die Mark am 22. Mai 1388 an Jobst von Mähren für die ungeheure Summe von weit mehr als einer halben Million Gulden. Unausgesprochen war damit auch die Brandenburger Kurstimme, die Sigmund seit 1376 geführt hatte, übertragen worden. Langwierige Verständigungen waren nötig, bis die Brandenburger Stände die Verpfändung der Mark mittrugen und auch Sigmunds Brüder (König Wenzel und der jüngere Johann von Görlitz) gewonnen waren, obwohl damit Karls IV. Erbordnung für die Luxemburger Territorien von 1376 aufgegeben wurde. Johann hatte gleichzeitig durchsetzen können, an Sigmunds Stelle in der Nachfolge Wenzels in Böhmen zu treten. Spätestens seit dem Folgejahr wurden die inneren Spannungen aber von einer äußeren Bedrohung bis dahin unbekannten Ausmaßes überlagert, die nicht nur die weitere Entwicklung Ungarns und das politische Geschick seines Königs fortan bestimmen, sondern sich zu einer jahrhundertelangen Bedrohung Europas auswachsen sollte. Seit den frühen siebziger und verstärkt den achtziger Jahren war die türkische Expansion gegen den Osten Europas nahezu ungehindert fortgeschritten und hatte jetzt, gegen 1390, einen Höhepunkt erreicht. Gleichzeitig waren die Vorstöße zu einer existentiellen Gefahr für das Byzantinische Reich geworden, das sich mit Hilfsappellen an den Westen wandte. Seit 1392 war es zu ersten Kämpfen Sigmunds gegen die Invasoren gekommen. Schnell hatte er erkannt, wie er einen eigenen Vorteil aus der bedrohlichen Lage ziehen konnte. Im Frühjahr 1392 rief er als König das Allgemeine Aufgebot des ungarischen Adels zur Verteidigung der Landesgrenzen auf, über die Konflikte der Parteiungen hinweg, und nutzte zugleich militärische Kontingente, vor allem diejenigen 468 Martin Kintzinger Sigmund (1410/1411-14^) 469 Jobsts von Mähren, um Aufstände gegen seine Herrschaft innerhalb des eigenen Reichs zu unterdrücken. Aber diese Kräfte reichten zur Abwehr der Türkengefahr bei weitem nicht aus. Päpstliche Aufrufe und publizistische Propaganda, in der Türkenbedrohung eine Gefahr für das christliche Abendland zu erkennen und ihr mit einem Kreuzzug zu begegnen, waren teilweise von Sigmund angeregt worden, blieben aber, vor allem wegen des bestehenden Papstschismas, folgenlos. Auch Sigmunds ansonsten so erfolgreiche Diplomatie versagte gegen die Türken; seine Gesandtschaft, die gegen die Einnahme des von Ungarn lehnsabhängigen Bulgarien protestieren sollte, wurde am Hof des Sultans verspottet und gefangengesetzt. Getrieben von der Notwendigkeit einer Verteidigung seiner Landesgrenzen und der ungarischen Hoheitsansprüche in der Region übernahm Sigmund nun den Kreuzzugsgedanken. Er veränderte und erweiterte ihn zu der Vorstellung eines gemeinsamen Anliegens der christlich-abendländischen Ritterschaft. Der durch Gesandtschaften im Westen verbreitete Hilfsaufruf fand weite Zustimmung. Vor allem traf er auf die günstige Situation, daß Frankreich und England im Frühjahr 1396 einen erneuten Waffenstillstand abgeschlossen hatten und Herzog Philipp der Kühne von Burgund ein glühender Verfechter, wohl sogar der entscheidende Träger der Idee des Kreuzzuges gegen die Türken war. Anfang April 1396 zog dessen Sohn, Johann Ohnefurcht, mit einem gewaltigen Ritterheer von Paris aus Richtung Ungarn, zahlreiche hochrangige Repräsentanten des französischen und burgundischen Adels und wichtigster Kronämter Frankreichs in seiner Begleitung. Für sie war das Unternehmen zugleich ein Kreuzzug, den sie durch die Türkei bis ins Heilige Land führen wollten, und eine «Reise nach Ungarn», eine ritterliche Heidenfahrt, wie sie den europäischen Adel immer wieder zusammenführte. Eine in sich vielfältige Allianz traf in Ofen zusammen, darunter neben den dominierenden Franzosen und Burgundern nur wenige Engländer, aber etliche Kontingente aus dem Reich und starke Verbände Ungarns und seiner Verbündeten, unterstützt von dem Johan-niterorden und der Flotte Venedigs. Doch bald brachen Meinungsverschiedenheiten auf, über das Ziel wie über die Strategie. Sigmund, der seine Fähigkeiten als Feldherr von Beginn an weit überschätzte, riet zu einem defensiven Vorgehen und wollte die Türken auf ungarischem Boden schlagen. Die französisch-burgundischen Ritter machten sich jedoch zu selbstbewußten Wortführern der Allianz und setzten ihr Verlangen durch, die Türken umgehend anzugreifen. Vor der Festung Nikopolis kam es Ende September 1396 zur Schlacht gegen die rasch herbeigeführten Truppen des Sultans Bayezid. Wieder waren es Unstimmigkeiten im christlichen Heer, die zu einer verfehlten Taktik und schließlich zu der katastrophalen Niederlage führten. Nachdem die Burgunder darauf bestanden hatten, mit ihrer Reiterei anzugreifen, wurden sie, nach ersten, schnellen Erfolgen, von den Türken in eine Falle im Gelände gelockt und durch Vorstöße türkischer Eliteeinheiten und serbischer Hilfstruppen vernichtend geschlagen. Die schlagkräftigen, mit dem Terrain und der Kampftechnik der Türken weit besser vertrauten ungarischen und verbündeten Kontingente hatten nahezu keine Möglichkeit wirksamen Eingreifens mehr. Die Folgen waren verheerend und die Verluste grauenhaft. Der Sultan ließ sämtliche Gefangenen auf dem Schlachtfeld hinrichten oder in die Sklaverei führen; namhafte Vertreter des französisch-burgundischen Adels fanden den Tod. Johann Ohnefurcht geriet für Jahre in türkische Gefangenschaft und konnte erst durch internationale, von Sigmund geleitete Bemühungen gegen ein immenses Lösegeld freigekauft werden. An den Höfen der westlichen Welt, insbesondere des Königreichs Frankreich, pflegte man seither eine düstere Erinnerung an den Luxemburger, der sich immerhin mit dem Burgunder die Leitung des Unternehmens geteilt hatte und der sich, während seine Verbündeten von den Türken hingeschlachtet wurden, davonstahl und mit venezianischen Schiffen Richtung Konstantinopel fuhr, scheinbar unbeeindruckt neue Kreuzzugspläne propagierend. Die ungarischen Vormachtansprüche in der Region waren nicht mehr zu halten, auch wenn eine weitergehende türkische Bedrohung Europas zunächst ausblieb. Sigmund wandte sich wieder der Konsolidierung seiner Herrschaft zu. Mitte 1397 konnte er erfolgreich eine Verständigung mit Hedwig von Polen aushandeln, die deren Verzicht auf Ungarn festschrieb und seine eigene Königsherrschaft festigte. 47° Martin Kintzinger Interesse am Reich und die Rolle Jobsts von Mähren Daß Sigmunds große und nicht immer realitätsnahe persönliche Ambitionen von Beginn an auch auf eine Nachfolge des Vaters im Reich und damit auf die Verdrängung des Bruders Wenzel hinausliefen, war offensichtlich. Mit der früh verliehenen Markgrafschaft Brandenburg hatte er eine nicht ungünstige Ausgangsposition erhalten, im Ringen um seine Königsherrschaft in Ungarn aber sämtliche Vorteile aufgeben müssen: Die Mark Brandenburg war an Jobst von Mähren verpfändet, die Nachfolge Wenzels in Böhmen an Johann von Görlitz. Wenzels nicht unumstrittene Herrschaft in Böhmen und sein zunehmend deutliches Versagen im Reich gaben Sigmund allerdings wirksame Argumente in die Hand, um gegen ihn vorzugehen. In den frühen neunziger Jahren schloß er Verträge ab, die unausgesprochen gegen Wenzel gerichtet waren. Als Partner konnte er den Habsburger Herzog von Österreich und immer wieder den ambitionierten Jobst von Mähren gewinnen. Als ältester männlicher Repräsentant des Hauses Luxemburg, Neffe Karls IV. und Erbe der wirtschaftlich geordneten Markgrafschaft Mähren beanspruchte Jobst nicht nur gewichtige Mitsprache in der politischen Planung Sigmunds und Wenzels, sondern suchte auch auf deren Kosten eigene Vorteile zu gewinnen. Durch die bereitwillige Verpfändungspolitik konnte er größeren Gewinn schöpfen, als er politisch zu nutzen in der Lage war. 1383 und 1391 hatte Wenzel ihm das Reichsvi-kariat für Italien verliehen, das er ungenutzt ließ. 1388, zeitgleich mit der Verpfändung der Mark Brandenburg, hatte Jobst das schon früher verpfändete Glatz zurückgegeben und dafür sogar das Stammland seiner Dynastie, das Herzogtum Luxemburg, erhalten. Wegen dortiger innerer Unruhen und geringen Ertrags gab er das Pfand weiter und scheute sich nicht, es 1402 seinerseits an Ludwig von Orleans zu verpfänden. Angesichts der immensen Verpfändungssumme für die Mark Brandenburg war deren mögliche Auslösung unwahrscheinlich. 1397 wurde der Akt von 1388 nochmals und dauerhaft bestätigt, nun schon mit der erkennbaren Erwartung Jobsts, die Brandenburger Kurstimme für eigene Thronambitionen im Reich zu nutzen. Für Sigmund war Jobst, der beliebige und rasch wechselnde Koalitionen einging, ein unsicherer Bündnispartner. Beide fanden sich SigTnund (1410/1411—1437) 471 lediglich im Widerstand gegen Wenzel zusammen. An dessen erster Gefangennahme durch die böhmischen Barone 1394 hatte Jobst entscheidenden Anteil; er wurde von den Aufständischen zum Regenten in Böhmen ernannt, konnte sich aber nicht halten. Nach Johanns Tod im März 1396 riß er gegen Widerstände dessen Zuständigkeiten an sich und kämpfte fortan entschlossen gegen Sigmunds Herrschaftsanspruch in Böhmen wie gegen dessen Thronambitionen im Reich. Sigmund selbst erkannte in der sich verdichtenden Krise um Wenzel eine Gefahr für die Stellung seines Hauses und für seine eigenen Pläne. Er drängte Wenzel zur Kaiserkrönung. Als der seinem Drängen folgte, reiste er noch im Frühjahr 1396 nach Böhmen; es gelang ihm, Anfang April einen vertraglichen Ausgleich zwischen Wenzel, den Baronen und Jobst herbeizuführen. Bereits zuvor hatte Sigmund Erbverträge mit Wenzel und Jobst geschlossen. Schließlich ertrotzte er von Wenzel noch die Verleihung des Reichsvikariats, offiziell wegen Wenzels häufiger Abwesenheit vom Binnenreich. Das Vikariát war ein erster Schritt, um im Reich wieder politisches Gewicht zu finden, in kürzester Zeit war es Sigmund gelungen, seine Schwächung im Reich, die er zur Konsolidierung in Ungarn hatte in Kauf nehmen müssen, wieder auszugleichen. Jobst blieb weiterhin gefährlich, schürte Widerstände gegen Sigmund und Wenzel und bahnte eine französische Heirat der Tochter des verstorbenen Johann von Görlitz, Elisabeth, an, die als damals einzige Nachkommin der amtierenden Luxemburger die Erbansprüche über Ungarn und Böhmen trug. Überraschenderweise nominierte Sigmund Jobst in dieser Situaton für seine Nachfolge in Ungarn und provozierte damit ein Aufbrechen lange angestauter Kritik der Magnaten. Am 28. April 1401 kam es zur Eskalation; man warf dem König Untätigkeit und die Begünstigung ausländischer Vertrauter vor und nahm ihn kurzerhand gefangen. Allerdings arbeitete die Zeit für Sigmund. Er versprach, eine ohne Zustimmung der Stände abgeschlossene Verlobung zu lösen und die Tochter des in Ungarn einflußreichen Grafen von Cilli zu heiraten. Nach einer Amnestieerklärung wurde er Ende Oktober 1401 wieder als König anerkannt. Ein seit längerem gewachsenes Einvernehmen mit dem Haus Habsburg konnte er nun zur eigenen Unterstützung nutzen und damit für eine zukunftsweisende Stärkung seines Hauses. Eine Erbverbrüderung Karls IV. von 1364 erneuernd, fertigten Sigmund und die Herzö- 472 Martin Kintzinger ge von Österreich am 16. August 1402 ihren Verbrüderungsvertrag aus, und Sigmund verpflichtete sich zudem, bei einem Fehlen von erbberechtigten Nachkommen auch in Ungarn und Brandenburg einen Habsburger als Nachfolger zu favorisieren. Herzog Albrecht IV. von Österreich setzte er schon jetzt als Nachfolger und Statthalter in Ungarn ein. Die Konsolidierung seiner ungarischen Herrschaft führte bald zu richtungweisenden militär- und kirchenpolitischen Reformen, die im Einvernehmen mit den Magnaten und vielfach zu deren Gunsten durchgeführt wurden. Auch die Gründung des Drachenordens (Socie-tas draconis) am 13. Dezember 1408 zielte auf die exklusive Bindung eines ergebenen Adels an den Königshof und die gemeinsame Verpflichtung auf Ideale christlicher Ritterschaft und des Kreuzzuges. Um 1407 hatte Sigmund die versprochene Heirat mit Barbara von Olli vollzogen und konnte wenig später die (neben Elisabeth von Görlitz) einzige Erbin des Hauses Luxemburg vorweisen, seine 1409 geborene Tochter Elisabeth, auch wenn deren Legitimität nachhaltig bezweifelt wurde. Sie heiratete im Herbst 1421 den Habsburger Albrecht von Österreich, der Sigmund 1437 beerben konnte, als Schwiegersohn und zugleich auf der Grundlage des Erbvertrags von 1402. Der Griff nach der Krone und die doppelte Wahl Seit 1403 fand Wenzel zu einer ausgewogenen Regierungspolitik in Böhmen, die ihm allgemeine Anerkennung sicherte. Das noch immer ungelöste Papstschisma bedingte freilich weitere Spannungen zwischen den Obödienzen. Im März 1409 hatte man in Pisa ein Generalkonzil eröffnet, das vergeblich die Lösung dieses Problems anstrebte. Im Reich schien die Regierung Ruprechts immer weniger durchsetzungsfähig, was die nie aufgegebenen Thronambitionen Sigmunds neu entfachte. Als der Gegenkönig am 18. Mai 1410 unerwartet starb, sah Sigmund seine Gelegenheit gekommen. Diesmal fand er keine Unterstützung bei Wenzel, der nach wie vor den römisch-deutschen Königstitel für sich in Anspruch nahm, wegen persönlicher Schwierigkeiten und der Lage in Böhmen aber daran gehindert war, sich im Reich erneut zu engagieren. Geflissentlich übersah Sigmund jetzt die von ihm vorgenommenen Sigmund (1410/14.11-1437) 473 Verpfändungen und führte selbstbewußt den Titel eines Markgrafen von Brandenburg und Erben von Böhmen sowie Luxemburg, um sich als probater Thronkandidat zu präsentieren, von regem diplomatischem Austausch über seine mögliche Wahl flankiert. Unter den rheinischen Kurfürsten, die einst Wenzel abgesetzt hatten, bestand weitgehende Einigkeit, daß Sigmund als Kandidat einer Neuwahl in Frage käme, zumal Ruprechts Sohn Ludwig auf eine eigene Bewerbung verzichtete, zunehmend und auf lange Sicht sogar Sigmund unterstützte. Eine tatsächliche Wahl scheiterte aber zunächst an abweichenden Obödienzen der Wähler im Papstschisma. Schließlich kam Sigmund dennoch zum Erfolg, doch seine mühsam herausgehandelte Wahl trug alle Züge eines brüchigen diplomatischen Kompromisses. In einer schon von den Zeitgenossen verspotteten Zeremonie als «spektakulärste und zugleich armseligste Wahl eines Römischen Königs» (J. Hoensch) wurde Sigmund in Frankfurt am 20. September 1410 gewählt, mit den Stimmen von Pfalz, Trier und Brandenburg. Nicht nur die in der Goldenen Bulle von 1356 vorgesehene Mehrheitsentscheidung der Wähler war damit verfehlt, es hatte sich überhaupt nur eine Minderheit von Kurfürsten zusammengefunden und die Brandenburger Stimme hätte wegen der vorliegenden Verpfändung nicht von Sigmund geführt werden dürfen. Entschieden trat nun eine kurfürstliche Opposition auf und wählte mit den vier übrigen Stimmen, derjenigen Sachsens nachträglich und derjenigen Brandenburgs jetzt von Jobst geführt, diesen zum König. Analog zum Papstschisma hätte die gleichzeitige Existenz dreier Könige - Wenzels, Sigmunds und Jobsts -, auch wenn sie alle demselben Haus entstammten, das Reich vor unlösbare Probleme gestellt. Die neuen Könige erklärten gleichlautend, eine Kaiserkrönung Wenzels unterstützen zu wollen, um ihn damit aus ihrem politischen Mächtespiel heraushalten zu können. Bevor man einer Lösung näherkommen konnte, starb Jobst überraschend am 18. Januar 1411, Gerüchte wollten von einem Giftmord wissen. Dennoch gelang es Sigmund rasch, Wenzel und die übrigen, bislang widerstrebenden Kurfürsten auf seine Seite zu ziehen. Am 21. Juli wurde er ein zweites Mal, in korrektem Verfahren sowie am rechten Ort, Frankfurt am Main, und diesmal einstimmig zum römisch-deutschen König gewählt. 474 Martin Kintzinger Alte Probleme und neue Herausforderungen Innerhalb des Hauses Luxemburg fand man jetzt zueinander. Sigmund konnte seinen Bruder zu einer Machtaufteilung drängen: Er selbst wollte auf den Kaisertitel verzichten, Wenzel dafür auf eine Beteiligung an der Reichsregierung. Auch das Erbe Jobsts war unstrittig: Mähren fiel erneut an Böhmen, und Sigmund nahm Brandenburg an sich. Noch im selben Jahr stimmte Wenzel zu, daß die Mark erneut verpfändet wurde, diesmal an den Nürnberger Burggrafen. Damit gelangte das Haus Zollern an Brandenburg, Beginn einer bis weit in die Neuzeit reichenden Entwicklung. Ebenfalls folgenreich war die Entscheidung, das Herzogtum Luxemburg, das Jobst zuletzt an Orleans verpfändet hatte, jetzt als Pfandbesitz an Elisabeth, die Tochter Johanns von Görlitz, zu geben. Sie hatte zwei Jahre zuvor den Bruder des Herzogs von Burgund, Anton, geheiratet. Obwohl das letzte Wort über Luxemburg noch nicht gesprochen war, ging es doch mehr und mehr in den französischen Einflußbereich über. - Ein anderes Problemfeld fand sich zeitgleich im Osten und berührte unmittelbar die Interessen der Krone Ungarns. Aus dem ehemaligen Verbündeten Venedig war inzwischen ein Kriegsgegner im Kampf um die strategisch und für den Handel wichtigen Städte Dalmatiens geworden. Schon unter Ludwig von Ungarn und Polen hatte es diesen Konflikt gegeben. 1409 war es den Venezianern gelungen, von König Ladislaus von Neapel einige Städte abzukaufen und sich fortan in der Region zu behaupten. Nach langem, unentschiedenem Streiten erkannte Sigmund schließlich 1437 und gegen umfangreiche Zahlungen die venezianische Herrschaft in Dalmatien an. Durch Luxemburg im Westen wie Dalmatien im Osten war Sigmund vorrangig als Repräsentant seines Hauses und Verteidiger eigener Herrschaftsrechte gefordert. Noch weit gewichtiger wirkten jene Felder politischer Konflikte, die nach einem Eingreifen des Reichsoberhauptes verlangten. Bald schon wies Sigmunds Handeln, durch die Weite der Räume und die Komplexität der Aufgaben bedingt, eine Spannung auf, die man ihm später immer wieder vorwarf: Weitgesteckte Ziele und große Entwürfe endeten oft in kleinteiligem Reagieren und vielfachen Verzögerungen. Die baldige Königskrönung hatte er in Aussicht gestellt, ebenso seine dringend erforderliche Präsenz im Sigmund (1410/1411-1437] 475 Reich; beides vermochte er angesichts der gegebenen Herausforderungen nicht einzuhalten. Immer wieder brach der Konflikt zwischen Polen und dem Deutschen Orden auf. Sigmunds Bemühen, als Schiedsrichter zu handeln, blieb ein ums andere Mal erfolglos. Ein knappes halbes Jahr nach seinem Schiedsversuch kam es im Sommer 1410 zu der für den Orden verheerenden Schlacht von Tannenberg und im Februar 1411 zum Thorner Frieden, dessen Zahlungsverpflichtungen den Ordensstaat ruinierten. 1412 unternahm Sigmund erneut einen Vermittlungsversuch, der diesmal, nach zuvor erzieltem Einvernehmen mit dem polnischen König, immerhin eine vorübergehende Beruhigung brachte. Vor allem drängte die verhängnisvolle, nach dem Pisaner Konzil nochmals verschlimmerte Lage der gespaltenen Kirche auf Abhilfe. Vom neuen König und erwählten Kaiser erwartete man, den Weg für ein Generalkonzil freizumachen, das allein in der Lage sein würde, das Papstschisma zu beenden. Das Konzü, weite Wege und die internationale Diplomatie Längere Reisen nach Italien waren erforderlich, so im Frühjahr 1414, um Verständigungen wegen des geplanten Konzils und mit den drei rivalisierenden Päpsten zu suchen. Von Beginn an stützte sich Sigmund auf den aus dem Pisaner Konzil hervorgegangenen, jetzt aus Rom vertriebenen Johannes XXIIL, während der in den spanischen Königreichen anerkannte, avignonesische Papst Benedikt XIII. bis zum Ende unnachgiebig blieb und der isolierte, römische Papst Gregor XII. sich seinerseits an Sigmund wandte, um ihm die Anerkennung seiner Königs- und Kaiserherrschaft anzutragen. Vorbedingung für eine Durchsetzung des Konzils war es, die drei Päpste zum Rücktritt zu bewegen, was zunächst unerreichbar schien, und die Obödienzen der europäischen Reiche und Fürstenhäuser abzugleichen, wozu es erfolgversprechende Ansätze gab. In jedem Fall bedurfte es eines überaus intensiven persönlichen Engagements des Königs und einer ausgiebigen, durchaus ebenfalls persönlichen diplomatischen Reisetätigkeit, um diesen Zielen näherzukommen. Daß das Ökumenische Konzil in Konstanz am 5. November 1414 eröffnet werden und daß es schließlich in der Überwindung des 476 Martin Kintzinger Papstschismas erfolgreich sein konnte, ist wesentlich Sigmunds persönlicher Politik zuzuschreiben. Hierin sahen schon die Zeitgenossen seinen größten, die Kritiker allerdings auch seinen einzigen bedeutenden politischen Erfolg. Zur Vorbereitung des Konzils entfaltete Sigmund eine aufwendige Diplomatie und Reisetätigkeit, sowohl innerhalb des Reichs wie im gesamten westeuropäischen Raum. Wie sein Vater Karl IV. war Sigmund aufgrund seiner robusten Gesundheit in der Lage, auf Reisewegen über teilweise erhebliche Entfernungen durch Europa zu ziehen. Schon während der Durchsetzung seiner Herrschaftsansprüche in Ungarn hatte er weite Strecken in Ostmitteleuropa zurückgelegt. Zur Vorbereitung des Konzils, zwischen 1412 und 1414, führten seine Wege vom Westen wie Osten Oberitaliens bis in den Nordwesten des Reichs. Während der Dauer des Konzils, auf der Suche nach einer diplomatischen Verständigung mit den europäischen Höfen zwischen 1415 und 1417, erreichte er, vom Bodenseeraum ausgehend, über Süd- und Mittelfrankreich schließlich Nordfrankreich und Südengland. Erst nach dem Ende des Konzils, seit 1418, verdichtete sich das Itinerar wieder auf das Reichsgebiet und die Regionen eigener Herrschaft im Osten. Den Obödienzenstreit im Westen beizulegen erforderte die Lösung der dortigen Konflikte. Vielfältig waren allein im Reich die gleichzeitig auf verschiedenen Schauplätzen spielenden Streitigkeiten: dynastische Konflikte im Haus Habsburg und zwischen den bayerischen Wittelsbachern, Behauptungsprobleme des neu eingesetzten Zollern in Brandenburg, ein Wahldissens im Erzbistum Köln mit weitreichenden politischen Folgen, ein Kräftemessen zwischen rheinischen Kurfürsten und Städten um die Zölle. Nichts weniger als der innere Friede im Reich stand auf dem Spiel, und Sigmund handelte wiederum als Vermittler und Schiedsrichter. Von besonderem Gewicht war, daß es ihm gelang, im Frühjahr 1415 den widerständigen habsburgischen Herzog Friedrich von Tirol durch politisches und militärisches Reagieren zu überwinden und zu ächten: Der König sicherte sich die Handhabung des Heimfallrechts gegenüber dessen Territorien, zwang ihn zu dauernder Anwesenheit am Konzil und konnte ihn damit, als zuvor beständigen Unruhestifter, endgültig ausschalten. Im Frühjahr 1417 wurde Friedrichs Acht durch das Konzil bestätigt und zudem der Bann über ihn verhängt. Erst ein Jahr später und gegen erhebliche Zahlungen erhielt er von Sigmund seine Lehen erneut verliehen. Sigmund (14101'1411-1437) ůjj Daß Sigmund bei allem Engagement für die allgemeinen Anliegen des Konzils nie vergaß, seine und seines Hauses Eigeninteressen mit-zubedenken, zeigte sich hier erneut; indem er Friedrichs Besitzungen wieder an das Reich zog, stärkte er seine Königsherrschaft im Südwesten und verbesserte zugleich die Ausgangslage für seine dortigen dynastischen Ambitionen. Schon vor Beginn des Konzils war er ähnlich im Westen eingeschritten. Anton, Bruder des Herzogs von Burgund und Gemahl der Elisabeth von Görlitz, hatte bereits 1406, nach dem Tod des letzten, erbenlosen Herzogs von Luxemburg, auf dessen Besitzungen Brabant und Limburg zugegriffen. Durch Wenzels Verpfändung des Herzogtums an Elisabeth drohte 1411 das Stammland der Luxemburger mitsamt seinen alten Anrechten in der Region an Burgund zu fallen. Sigmund erklärte schon im Frühjahr 1412 das Vorgehen Antons für unrechtmäßig, weil es sich bei den usurpierten Besitzungen um heimgefallene Reichslehen handele. Er verbot die Huldigung für Anton und Elisabeth und rief im Herbst 1413 offen zum Widerstand gegen sie auf. Verblüffenden diplomatischen Erfolg erntete Sigmund in dieser Lage in seinem Kontakt zu einer französischen Fürstenpartei, die im Interesse des kranken Königs Karl VI. die innerfranzösischen Konflikte beilegen wollte. Es gelang ihm, 1414 zu einer Stärkung König Karls beizutragen, die alten Bündnisverträge zwischen den Häusern Valois und Luxemburg zu erneuern und ihnen gleichzeitig den Charakter einer gemeinsamen Stellungnahme gegen Herzog Johann von Burgund zu geben. Damit war die Teilnahme einer königlichen Delegation Frankreichs am Konzil sichergestellt. Im gleichen Zug versprach Sigmund die Übertragung von Reichsgebieten, die in der Gewalt des Burgunders waren, an England und gewann so auch den dortigen Hof für die Konzilsteilnahme. Die tatsächliche Stärkung der Luxemburger Interessen in der Grenzregion konnte er gleichzeitig als Verteidigung legitimer Anliegen des Reichs in Anspruch nehmen. Noch über Jahre forderte er die Brüder Johann von Burgund und Anton von Brabant auf, vor seinem Lehnsgericht zu erscheinen. Entschieden reklamierte er die Reichszugehörigkeit nicht nur von Brabant, Limburg und Luxemburg, sondern auch von Holland, Seeland und Hennegau, die durch Erbstrategien an Burgund gefallen waren, blieb damit aber wegen der faktischen Machtverhältnisse erfolglos. 1434 und nochmals 1437 weigerten sich die Reichsstände offen, einem militärischen Vor- 4/8 Martin Kintzinger gehen gegen Burgund zuzustimmen. Es gab keine Möglichkeit, die burgundische Expansion gegen das Reich aufzuhalten; sie fand erst mit dem Schlachtentod des burgundischen Herzogs 1477 ihr Ende. Neben die geschickte Aktualisierung der lehnrechtlichen Kompetenzen des Reichsoberhauptes setzte Sigmund immer wieder eine repräsentative Inszenierung seiner königlichen und künftigen kaiserlichen Stellung, die seinen tatsächlich begrenzten politischen Möglichkeiten nicht entsprach, oft aber sehr wohl den gewünschten Effekt erreichte. Drei Tage nach Eröffnung des Konzils wurde er am 8. November 1414 in Aachen zum König gekrönt und verzichtete darauf, päpstliche Approbation zu erbitten; mit außerordentlicher Pracht zeigte das Krönungsfest nicht nur die Stabilität seiner Herrschaft im Reich an, sondern auch den Geltungsanspruch, als erwählter Kaiser dem Konzil vorzustehen und es zum Erfolg zu führen. Auf Wirkung berechnet war ebenso sein Eintreffen in Konstanz am Weihnachtstag. Die Schwierigkeiten seiner eigenen Durchsetzung im Reich, die Brüchigkeit der ausgehandelten Waffenstillstände zwischen den Konfliktparteien und die geringen Machtmittel des künftigen Kaisers waren vergessen. Man akzeptierte Sigmund in seinem Anspruch als «Anwalt und Verteidiger der Kirche» und Beschützer des Konzils, dessen tatsächliche Leitung er nun übernahm. Klug und sachkundig taktierend, wobei ihm seine schnelle Auffassungsgabe, breite, auch theologische Bildung und überragende Sprachkenntnis zunutze kam, griff er unmittelbar in die Verhandlungen ein und konnte sie immer wieder auf das angestrebte Ziel einer Überwindung des Schismas (Causa unionis) hin ausrichten und dieses Ziel schließlich erreichen. Die übrigen programmatischen Vorhaben des Konzils, die Behandlung der Lehreinheit (Causa fidei) und der Kirchenreform (Causa reformationis) traten dahinter zunehmend zurück und blieben am Ende unerreicht. Mit der Absetzung Johannes' XXIII. nach dessen versuchter Flucht setzte das Konzil am 29. Mai 1415 ein erstes Zeichen, daß die Überwindung des Schismas erreichbar sein würde. Ein Schatten, der bis heute das Ansehen Sigmunds verdunkelt, fiel hingegen auf den König und das Konzil durch die Hinrichtung des böhmischen Reformators Jan Hus am 6. Juli, der auf Verlangen Sigmunds und unter dessen Geleitschutzzusage auf dem Konzil erschienen war. Wieder hatten sich Konzilsanliegen und Eigeninteressen Sig- Sigmund (14.10/1411-14.37) 479 munds überkreuzt. Die auf die mehrfach verurteilten Lehren Wyclifs zurückgreifende Theologie des Jan Hus stellte das Konzil vor große dogmatische Herausforderungen und bot in Böhmen politischen Sprengstoff. Deshalb wird anstelle der früher vermuteten Leichtfertigkeit, mit der Sigmund das Geleit gegen Hus gebrochen habe, heute eher von einer Ausweglosigkeit der Situation gesprochen, zwischen der theologisch zwingenden Verurteilung der Lehren des Reformators einerseits und seiner unbedingten, auf Widerlegung seiner Thesen bestehenden Standhaftigkeit andererseits. Für die Luxemburger Herrschaft in Böhmen bedeutete der Tod des Jan Hus eine erhebliche Belastung. Mitte Juli 1415 ernannte Sigmund den Pfalzgrafen Ludwig zum Protektor des Konzils und brach zu einer langen Reise auf, die ihn über zahlreiche Stationen nach Südfrankretch, an die Grenze zu Aragon, sodann nach Paris und schließlich nach London führte. Es ging darum, die dortigen Höfe für eine gemeinsame Konzilspolitik zu gewinnen, zu diesem Zweck zunächst die Preisgabe des noch von Aragon unterstützten Benedikt XIII. zu erreichen und in dem kriegerischen französisch-englischen Konflikt wie auch in dem innerfranzösischen Parteienkampf zu vermitteln. Ambivalent war das Ergebnis: Die Obö-dienzfrage konnte geklärt und die Arbeit des Konzils fortgesetzt werden, Sigmunds Vermittlungsbemühungen zwischen Frankreich und England blieben aber folgenlos. Jetzt erlebte er eine Schattenseite seiner eigenen. Bereitschaft zu überbordender Repräsentation: Überaus ehrenvoll und im Ansehen des künftigen Kaisers wurde er empfangen, in Paris nicht anders als in London, doch ließ man seine politische Mission ins Leere laufen. Verärgert über das Zögern am Pariser Hof, nutzte er seine lange schon vorbereiteten Bindungen zu dem jungen Heinrich V. von England und schloß mit ihm am 15. August 1416 den Bündnisvertrag von Canter-bury. Offiziell zu militärischem Beistand gegen Frankreich verpflichtet, der seitens Heinrichs in den folgenden Jahren mehrfach angemahnt wurde, war eine Realisierung des Vertrags von Sigmund zweifellos nicht wirklich beabsichtigt. Mehr als einen symbolischen Angriff auf französische Dörfer in der Grenzregion wenig später konnte er schon im Interesse des Konzils nicht verantworten und vor allem deshalb nicht, weil die Reichsstände, teilweise an England vertraglich gebunden, ihre Zustimmung zu dem Vertrag verweigerten. In 48o Martin Kintzinger Sigmund (14.10! 1411-1437) 481 Sigmunds Strategie wird der Vertrag kaum mehr als ein Ausdruck seines persönlichen, politischen Einvernehmens mit dem englischen König gewesen sein und eine Warnung an das Haus Valois, zu dem er weiterhin enge Beziehungen pflegte. Auch der englische König kannte die Gegebenheiten und dürfte kaum mehr als einen Prestigegewinn erwartet haben. Nicht erreicht hatte Sigmund durch seine Reisediplomatie das vorschnell propagierte Ziel, zwischen den westeuropäischen Monarchien zu vermitteln. Erfolgreich hatte er aber für das Fortkommen des Konzils gehandelt, dem er sich nun wieder zuwandte, und durch die Zweigleisigkeit dynastischer Diplomatie gegenüber Frankreich und offizieller Vertragspolitik gegenüber England war es ihm gelungen, seinen Handlungsspielraum insgesamt zu bewahren. Während Sigmunds Abwesenheit von Konstanz hatten sich nicht wenige Konflikte unter den Konzilsparteien gebildet, so auch im Ringen um die dringenden Anliegen einer allgemeinen Kirchenreform. Die zuvor notdürftig durch Waffenstillstände beruhigten Streitigkeiten brachen allerorten wieder auf, jetzt noch vermehrt um Hilferufe aus Konstantinopel, das unter verstärkten Angriffen der Türken litt. Es gelang Sigmund, die Kräfte dennoch auf das Hauptziel einer Konsolidierung der Konzilspolitik und einer einigen Papstwahl zu bündeln. Am 9. Oktober 1417 wurde ein Dekret (Frequens) verabschiedet, das die künftig turnusmäßige Einberufung von Konzilien vorsah; am 11. November war der neue Papst Martin V. gewählt, und am 21. November wurde er gekrönt. Mit der Einsetzung des bald allgemein anerkannten Papstes hatte das Konzil sein vorrangiges Ziel erreicht. Am 22. April wurde die Kirchenversammlung geschlossen. Das Reich und Böhmen Sigmund nahm seinen zuvor dominierenden Einfluß auf das Konzilsgeschehen nach der Wahl des Papstes zurück und verzichtete darauf, strittige eigene Vorstellungen durchzusetzen. Die zahlreichen Schwierigkeiten, die schon vor dem Konzil im Reich wie im Osten Europas ungelöst geblieben waren und sich durch die lange Abwesenheit des Königs in Konzilsangelegenheiten um so mehr verfestigt hatten, erforderten umgehendes Eingreifen. Wieder stellte Sigmund seine eigenen Anliegen keinesfalls zurück. Nachdem er im Anschluß an seine Königswahl wohlweislich auf eine päpstliche Approbation verzichtet hatte, ließ er sich jetzt, am 23. April des Folgejahres, von Martin V. in seiner Königsherrschaft und zugleich als künftiger Kaiser bestätigen. Ein erster Schritt zur Vorbereitung der eigenen Kaiserkrönung war damit getan, nachdem Sigmund die einstmals versprochene Unterstützung für Wenzels Kaiserkrönung, bei eigenem Verzicht, nie betrieben und sich darüber den neuerlichen Zorn seines Bruders zugezogen hatte. Mit dem Rückzug vom Konzilsgeschehen traten die noch immer schwierigen Verhältnisse im Reich wieder stärker in den Mittelpunkt von Sigmunds politischem Engagement. Nochmals und endgültig wurde Friedrich von Zollern im Frühjahr 1417 mit der Mark Brandenburg belehnt, ein erster Anlaß zugleich für eine erneut überaus feierliche Inszenierung des königlichen Willensakts. Nur wegen des Vorrangs anderer Aufgaben hatte Sigmund auf dem Konzil darauf verzichtet, seine dezidierten Vorstellungen von einer überfälligen Kirchenreform weiter zu verfolgen. Auch von der nicht minder notwendigen Reichsreform war er überzeugt und stemmte sich nun gegen die dabei auftretenden Schwierigkeiten. Wenige Jahre nach seinem Tod wurde eine anonyme Schrift in Umlauf gebracht, die sich in ihren grundlegenden Reformforderungen auf ihn berief (Reformation Kaiser Sigmunds), aber auch nicht verkannte, daß die Reform größtenteils in Ansätzen steckengeblieben war. Mit einer städtefreundlichen Politik, vor allem in den frühen zwanziger Jahren, durch Unterstützung von Städtebünden und zunehmend auch von Rittergesellschaften, hatte Sigmund versucht, das Anliegen des Landfriedens und der Reform insbesondere der Finanzgesetzgebung voranzubringen. Die damit notwendig verbundene Frontstellung gegen den fürstlichen Adel ließ allerdings vor allem die Städte zögern, seinem Aufruf zum Zusammenschluß zu folgen. Gleichzeitig verhärteten sich die Fronten im Streit um den Hussitismus in Böhmen, dessen theologische Lehren zu tiefgreifenden kirchen- und herrschaftspolitischen Unruhen und zu offenem Widerstand eines Teils des böhmischen Adels führten. Die Spannungen zwischen Wenzel und Sigmund führten nun zu einer Spaltung ihrer Politik: Während Wenzel offen mit den Aufständischen sympathisierte und sie gegen die kirchliche Gewalt zu schützen suchte, stand Sigmund auf der Seite der papstkirchlichen Autorität. Anders als beim Prozeß gegen Jan Hus, 482 Martin Kintzinger Sigmund (1410/1411-143y) 483 gelang es ihm diesmal zunächst, Eskalationen auf beiden Seiten zu verhindern. Eine Einigung kam dennoch nicht in Sicht. Mitte August 1419 starb Wenzel, und Sigmund benötigte fast ein Jahr, bis seine eigene Krönung zum König von Böhmen erreicht war. Inzwischen hatten auch die ungarischen Magnaten, die sich in ihrer lange schon gehegten Befürchtung bestätigt sahen, bei dem ausgreifenden Engagement ihres Königs selbst zu kurz zu kommen, entschieden seine persönliche Präsenz eingefordert. Nun kehrten sich die Verhältnisse um, und bald, von 1426 bis 1430, begannen Jahre der dauernden Abwesenheit Sigmunds vom Binnenreich, trotz der dort ungelösten Probleme. Sigmunds ernsthaft betriebenes Vorhaben der eigenen Kaiserkrönung, zugleich mit dem ebenfalls erforderlichen Eingreifen in Italien, mußte einmal mehr und bis 1433 zurückgestellt werden. Die Stände im Reich verstanden allerdings, des Königs Abwesenheit zu nutzen; allmählich und auch ausgehend von Reichsreformvorstellungen zeichneten sich die Konturen einer vom König unabhängigen, ständischen Verantwortung in der Regierung des Reichs ab, die schon auf den späteren Dualismus der Reichsverfassung vorausdeuteten. Böhmen und Italien Noch zu Lebzeiten Wenzels und trotz dessen zögerlicher Versuche, die innere Ordnung wieder herzustellen, hatten die verhärteten Fronten in Böhmen und die zunehmende Radikalisierung der Hussiten ein militärisches Vorgehen immer wahrscheinlicher werden lassen. Wenige Tage vor Wenzels Tod kam es mit dem Prager Fenstersturz, dem Totschlag an Ratsvertretern in der Prager Neustadt am 30. Juli 1419, zur Eskalation. Seit dem Frühjahr 1420 liefen Vorbereitungen zu einem ersten Hussitenkrieg, der - als Kreuzzug propagiert und durchgeführt - dennoch von geringer Durchschlagskraft blieb. In diesem Rahmen und ohne den gewohnten Glanz verlief Sigmunds böhmische Königskrönung am 28. Juli. Sigmund hatte die Organisationsfähigkeit und militärische Stärke der Hussiten unterschätzt, von der Unterstützungsbereitschaft der Reichsfürsten hingegen zu viel erwartet und erlebte nun ein Debakel. Eine populäre, hussitische Gegenregierung etablierte sich 1421, er- klärte ihn für abgesetzt, bot die böhmische Krone dem König von Polen an und vermochte anrückende Kreuzfahrerheere in diesem und im folgenden Jahr vernichtend zu schlagen. Dann aber zog der polnische König seine Ambitionen zugunsten des litauischen Großfürsten zurück und einigte sich im Frühjahr 1423 vorübergehend mit Sigmund. Der Litauer vermochte es nicht, zwischen den Parteiungen im Land zu vermitteln, und stieß ohnehin auf tiefe Vorbehalte gegen eine Restauration monarchischer Ordnung. Er erklärte seinen Thronverzicht und konnte sich auch bei späteren, erneuten Versuchen nicht mehr durchsetzen. Der starke Widerstand des katholisch gebliebenen Adels und der Städte tat ein übriges, um die Herrschaft des neuen Regimes zu schwächen. Dennoch gelangen dem hussitischen Heer 1423/24 noch weitere Expansionen. Tiefgehende Kritik der Reichsstände war inzwischen laut geworden, an einem König, der die böhmischen Unruhen nicht in den Griff bekam, darüber aber die Reichsangelegenheiten sträflich vernachlässigte. Jetzt zeigte sich, daß die politische Verselbständigung der Reichsstände für den König durchaus gefährlich werden konnte; bereits 1422 und nochmals 1424 erwogen die rheinischen Kurfürsten seine mögliche Absetzung. Im Gegenzug waren die Stände aber bereit, den Kampf gegen die böhmischen Häretiker allen übrigen Anliegen vorzuordnen und ein «modernes» Verfahren zur Finanzierung eines Söldnerheeres vorzuschlagen, eine allgemeine Reichssteuer (Reichsmatrikel). Auf dem eigenständig von den Kurfürsten zum 15. Juli 1422 einberufenen Reichstag in Nürnberg konnten sie den König faktisch zur Teilnahme zwingen, auch wenn ihr ehrgeiziges Projekt der Kriegsfinanzierung am Widerstand der Städte scheiterte. Unentschlossenheit und Uneinigkeit im Reich führten in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre ein ums andere Mal zum Scheitern, entweder schon bei dem Versuch, ein schlagkräftiges Kreuzfahrerheer aufzustellen, oder dann bei dessen halbherzigem Einsatz gegen die sieggewohnten Hussiten. Erst 1431 nahm sich Sigmund selbst der Planung eines Kriegs in Böhmen an. Die militärischen Vorbereitungen wurden von ihm aber ohne Entschlossenheit betrieben, da er vorrangig daran interessiert war, einen Italienzug zu seiner Kaiserkrönung auf den Weg zu bringen. Allmählich machte sich Skepsis breit, ob der Kriegseinsatz überhaupt ein geeignetes Mittel zur Überwindung der Konflikte in Böhmen sein konnte. Diplomatische Taktik einzusetzen lag Sigmund 484 Martin Kintzinger ohnehin näher. So erreichte er seit 1427 Verhandlungen mit den Hus-siten, intensiviert seit dem Frühjahr 1431 und im Rahmen des am 23. Juli desselben Jahres eröffneten Konzils von Basel. Langwierig und wechselhaft verlaufende Gespräche führten erst seit Anfang 1433 zu Ergebnissen. Die sogenannten Basler Kompaktaten enthielten die Vier Prager Artikel der Hussiten, jeweils durch eine Erklärung aus Sicht der katholischen Dogmatik ergänzt. Der Streit um deren Akzeptanz führte zum Konflikt zwischen den Parteiungen innerhalb der Hussiten. Er endete in der Entscheidungsschlacht bei Lipany am 30. Mai 1434, als das Heer des Adels und der Städte Böhmens die Einheiten der Radikalen vernichtend schlug. Die Böhmen selbst hatten das Problem des radikalen Hussitismus gelöst. Weitere Verhandlungen folgten nun, aber nicht eher als am 5. Juli 1436 konnte man endgültig gemeinsame Vereinbarungen bekanntgeben, die durch aufwendig inszenierte Festlichkeiten im Sommer des Folgejahres gefeiert wurden. Jetzt erst war Sigmunds Königsherrschaft in Böhmen wieder stabilisiert, und er arbeitete weiterhin an der dauerhaften Befriedung und Konsolidierung des Landes. Wieder hatte Sigmund auch in den dreißiger Jahren auf mehreren Schauplätzen politischen Geschehens zugleich agieren müssen, auch in Ungarn und gegenüber dem zu wechselnden Bündnissen neigenden polnischen König sowie in Italien. Die Probleme des Basler Konzils mit der sprunghaften Politik Papst Eugens IV, der die Versammlung schließlich zunächst nach Ferrara, dann nach Florenz verlegte, erlebte Sigmund nur noch in ihren Anfängen. Ohnehin war er mit seinem Anliegen der Kirchenreform erneut erfolglos geblieben und hatte sich in Basel insgesamt weit weniger auf dem Konzil engagiert als seinerzeit in Konstanz. Dennoch spielten gerade in Italien Sigmunds letzte diplomatische Erfolge. Es gelang ihm, trotz der Unberechenbarkeit Mailands, dort am 25. November 1431 mit der Eisernen Krone der Lombardei gekrönt zu werden und schließlich, nach aufwendigen Verhandlungen mit der päpstlichen Kurie, am 31. Mai 1433 in Rom die Kaiserkrönung durch Eugen IV. zu empfangen. Sein über Jahrzehnte nie aus den Augen verlorenes Ziel, seinem Vater in der höchsten weltlichen Würde der lateinischen Christenheit nachzufolgen, war erreicht. Wieder fiel die feierliche Inszenierung aber nicht mehr so glanzvoll aus, wie Sigmund es früher geschätzt hatte. Zu weitgehend war die Verärgerung im Reich Sigmund (1410/1411-14)7) 485 wie vor allem in Ungarn über das mangelnde herrscherliche Engagement Sigmunds, so daß die Fürsten beider Reiche sich im Umfeld des Romzuges und der Kaiserkrönung auffällig und betont zurückhielten. Vieles blieb dem Kaiser zu tun, als er in seine Reiche zurückkehrte: Das Vordringen Polens auf Kosten des Deutschen Ordens war nicht aufzuhalten gewesen und fand, ohne Sigmunds Mitwirkung, in dem für den Orden ungünstigen Frieden von Brest 1435 einen vorläufigen Abschluß; in Ungarn konnte Sigmund gleichzeitig innere Reformen nur gegen heftigen Widerstand durchsetzen, und in Böhmen zogen sich die Verhandlungen mit den gemäßigten Hussiten bis zum Sommer 1436 hin. Durch die notwendige Wiederherstellung geordneter Herrschaft in Böhmen weitgehend'absorbiert, konnte Sigmund sich um die übrigen Probleme, so auch die allerorten drängende Stabilisierung des Landfriedens und die überfällige Finanz- und Gerichtsreform im Reich kaum mehr kümmern. Schnell mußte er erfahren, daß sein Handlungsspielraum sich nach der erfolgreichen Kaiserkrönung nicht wirksam erweitert hatte. Selbst seine Einsicht in die politischen Notwendigkeiten und sein diplomatisches Geschick, die ihn vor anderen Herrschern seiner Zeit stets ausgezeichnet hatten, waren darin an die Grenze ihrer Möglichkeiten gestoßen. Zuletzt fand er nochmals zur Zusammenarbeit mit den Kurfürsten im gemeinsamen Anliegen der Reichsreform, die auf dem Reichstag in Eger im Sommer 1437 behandelt werden sollte, aber erneut nicht vorankam. Auf einer Reise von Prag nach Ungarn starb Sigmund am 9. Dezember 1437 in dem mährischen Ort Znaim. Mit ihm endete die männliche Linie des Hauses Luxemburg.